Alles nur gefilmt

 Früher lief manches Treffen noch verschämt unter dem etwas altmodisch anmutenden Begriff „Kaffeekränzchen“. Hier hat uns die moderne Organisationsentwicklung Besseres beschert: das Meeting und die Konferenz. Was würden Sie auch denken, wenn ihr gewünschter Gesprächspartner von seiner Sekretärin mit den Worten entschuldigt würde: „Herr Dr. Meier ist auf einem Kaffeekränzchen“?

Dr. Meier sitzt heutzutage ganztägig in Meetings, besucht Mechatronik-Foren oder wohnt sogar internationalen Videokonferenzen bei. Dabei werden gerade in Krisenzeiten aktiv Reisekosten gespart, und neue Ideen für Disziplin übergreifendes Verständnis geschmiedet. Kurzum Konferenzen verbessern die Welt, das Wetter und treiben die eigene Erfolgsbilanz nach oben.

Zugegeben, viele solcher multimedialen Konferenzen haben den Charme der Debatte des Nachtragshaushalts fürs Friedhofsamt in Castrup Rauxel. Sie können aber auch höchst spannend sein. Solch ein Event habe ich als stiller Mechatronik-Pressebeobachter begleitet. Mechatronik besteht ja zu 70 % aus Kommunikation, die keiner hört und nur zu 30 % aus Technik, die keiner versteht.

Zur Videokonferenz habe ich mir eigens meine rote Mechatronikfliege umgebunden – aber das war im Nachhinein betracht auch mein größter Beitrag. Wenn kampferprobtes Vertriebsmanagement miteinander videovernetzt in Echtzeit diskutiert, wird sich zunächst auf eine Konferenzsprache geeignet. Das ist in er Regel die Konzernsprache, also englisch. Wie in der Mechatronik kommt es beim Verständnis der Disziplinen auf – die eine Sprache an, die alle sprechen und verstehen. Doch im aktuellen Fall hatte fast jeder seine eigene Sprachversion in Grammatik, Semantik und Vokabeln. Dieses Konferenzereignis legte den Grundstein für den Turm zu Babel. Die Parallelen zwischen Konferenzsprache und Mechatronik waren körperlich spürbar (mir stellten sich die Haare) als die „Countrymanager“ aus Italien, Deutschland, Spanien, Frankreich, China, Japan und Schottland wie einst die 4 Journalisten aus 6 Ländern ihre Statements zum Besten gaben. Die Verständnislosigkeit war so groß wie das Sprachlevel unterschiedlich.

Gleich nach dem ersten Statement wurde etwa eine Viertelstunde diskutiert, was der Kollege aus Italien denn gesagt haben könnte, und was das ganze mit der neuen mechatronischen Entwicklungsstrategie im Hause zu tun haben könnte? Schnell geredet hatte er ja, und viele richtige englische Fachbegriffe waren für alle verständlich. Aber was war die Kernbotschaft? Genauso argumentativ beschwingt, und auch durch Zwischenfragen nicht zu einem negativen Beschleunigungsverhalten zu bewegen, war der Mann aus China. Seine Nomenklatur enthielt zweifelsohne sehr viel Sprachtradition zwischen der Ming-Dynastie und der Hongkong-Bussiness-Class.

Irgendwann schaltet jeder ab und fühlt sich irgendwie „gefilmt“. Zwischen Deutschland, China, Italien und Frankreich wurden dann Sprachstillhalte-Abkommen geschlossen: „Wir alle wollen Mechatronik“. Der Schotte und der Mechatronik-Beobachter haben dann am Ende wohl am wenigsten verstanden. Es muss eben auch Verlierer geben. Anschließend bin ich zu einem Kaffeekränzchen und habe mich über Fußball unterhalten – auch davon verstehe ich wenig.

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