„Houston, bitte melden“

Was haben Mechatronik und Webinare gemeinsam? Führen Webinare zum Atemstillstand, und was haben sie mit dem Mond zu tun?

Vorsicht! Die Redaktion liebt Kofferworte, zu Deutsch Akronyme. Mechatronik ist eins davon. Für einige Zeilen vergesse ich jegliches mechatronisches und missionarisches Feingefühl. Ich schleuse diesen Text an der Schlussredaktion vorbei und stecke ihn einem befreundeten Drucker zu.

Missionare, wie dieser Pater Schäfer (siehe Editorial), reden doch eine Mesalliance schön. Als solche galt früher die Ehe zwischen Partnern unterschiedlichen Standes. Aber bei uns schmachten nicht Romeo und Julia, sondern hier soll ein Mechaniker mit einer Softifrau verkuppelt werden, die angeblich gewisse Vorlieben für Elektriker entwickelt.

Eigentlich will ich ja keine Gerüchte verbreiten, aber Kofferworte sind verdächtige Elemente, auf Flughäfen und in Factory floors (tolles Wort). Und es gibt auf der Welt und im dazugehörigen World Wide Web noch viele dieser Worte. Eins davon ist „Webinar“. Zu solch einem Ding hat mich mein Akronym-verliebter CR verdonnert. „Nimm daran mal teil“. Mein erster Gedanke war, ein mechanisches Proseminar mit Webstuhl und Alpaka-Wolle, so etwas für die Rubrik„Weben in Arbeit“. Doch das war der falschen Faden. Wiki weiß es besser: „Webinar ist ein Seminar, das über das www gehalten wird.“ Und das dich am heimischen Computer erreicht. Um die Fluchtversuche im Keim zu ersticken, trafen täglich Emails ein, die fast immer sagten, „Join us on monday“ und dann „click here to join“ - und die sich riesig darüber freuten (Schadensfreude?), dass ich teilnehme. Ich habe mich also hochkomplex und Web-zünftig auf englisch registriert und fieberte dem Webinar entgegen. „still 15 minutes“, Das Warn-Email vertreibt mich vom Tagesgeschäft. Eifrig setze ich setze mein Kopfhörerset mit Mikro auf und warte. Ich werde aufgerufen, melde mich, und man verstehtt mich. 

Ich bin hoch motiviert. Aber, wo sind die anderen? Es knistert im Kopfhörer, dann der Aufruf, Herr Schulz – sind sie da? Herr Harrer – hören sie mich? Das wird 5 mal gesagt. Der Webinarleiter steigert die Nervosität im www: „Gleich beginnt, das Webinar, es fehlen noch einige Teilnehmer.“ Dann tuschelt er etwas mit seinem Nebenmann/-frau, was mein Kopfhörer simultan als Knisterrauch übersetzt. Ich denke ans www und die tausend anderen, die sich jetzt zu dieser hochbrisanten Pressekonferenz einklicken. Lautes Atmen dringt aus der Leitung. Bin ichs, oder bin ichs nicht, das ist hier die Frage. Hören jetzt alle mein Aufstöhnen? Zur Verifikation halte ich die Luft an und lausche angestrengt in die Leitung. Wird es still? Nein, ich schnappe nach Luft, das Keuchen geht weiter: Es kommt doch aus der Webinar-Basisstation. Ich atme wieder frei und höre, wie sich einer ein Glas einschenkt. Vielleicht Wein, wie Werner Hofer damals beim „internationalen Frühschoppen“, dem sonntäglichen Fernsinar? Jetzt wird’s echt ernst. Wir werden begrüßt. Und nach fünf Minuten steigt der erste Referent ins Netz. Er stellt seine Powerpoints direkt auf meinen Bildschirm und seine Maus huscht über meinen Schirm Beeindruckend, obwohl ich diesen Kompetenzträger eigentlich gerne selbst auf dem Schirm gesehen hätte. Der nächste Vortrag kommt aus Apollo 11 – jedenfalls klingt es nach unendlichen Weiten. Der Referent ist Purist, er bleibt trotz VoIP beim Telefon, und klingt klassisch, wie ein Astronaut bei der Mondlandung,. Das Prinzip keiner sieht mich, aber jeder hört mich, verleitet einen anderen zum flotten Ablesen seiner Vorlage – etwas Schauspielschule und Lesetraining hätten hier nicht geschadet.

Auf die fröhliche Frage: Wer hat noch Fragen zum Vortrag?, rührt sich keiner. Mein Versuch scheitert, den „Frageknopf“ anzuklicken und nur 5 Fragen zum Zustand der Wirtschaft zu stellen. Keiner hört mich, wo ist Web2.0? Keiner fragt, ich verstehe, denn Zeit ist kostbar. Vorsichtig halte ich die Luft an, stöpsle mich aus und stehle mich leise davon. Der Kaffee ruft aus meiner Basisstation.

Heinrich

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