„Sesam öffne Dich“

Die Physik folgt strengen Regeln, gegen die selbst Mechatronik machtlos ist. Aber die Forschungs- und Entwicklungsabteilung der [me] schreckt das nicht. Im Namen von Innovation und Patent werden neue Wege gesucht.

Wie unter distanziert korrekten Golfern üblich, habe ich heute meinem Chefredakteur (CR) auf der Redaktionskonferenz das bis 18.30 Uhr andauernde Tages-Du angeboten. Zum Freundschaftsangebot auf Facebook konnte ich mich nicht durchringen, auch wenn er mich in seinem Editorial regelrecht dazu anfleht. Aber seine neueste Erfindung verdient schnelle Patentierung und verschönert unseren Redaktionsalltag.

Die Vorgeschichte: Das im Sommer ständig winterlich vereiste Gefrierfach unseres Redaktionskühlschranks lies sich nicht mehr öffnen. Mit Hilfe eines Eispickels habe ich mir Zugang verschafft. Das hat mir die fehlerintolerante Schnappverriegelung nicht verziehen, sie ist abgebrochen.

Das Hinscheiden war irreversibel und die Servicehotline ständig besetzt. Da ein speziell abgestellter Zuhälter den Redaktionsetat sprengt, hat mein CR ein mechatronisches Zylinderschloss an der Kühlschrank-Außentür eingebaut. Warum außen und nicht innen am Eisfach, habe ich nicht kapiert. Vielleicht wollte er nur außen an der Hardware bohren und schrauben statt die innere Software des Kühlschranks zu bearbeiten. Er liebt Software: Ganz vom Geiz und der Software getrieben reagiert der neue Sesam-Öffne-Dich-Mechanismus auf die einprogrammierte mittlere Wärmestrahlung der zugelassenen Nutzer. Dazu musste jeder einen halben Tag in einer Wärmemesskammer arbeiten – dadurch sind einige besonders kritische Beiträge entstanden. Die akzeptierten Temperaturdifferenzen aufgrund der persönlichen Wärmedurchgangskoeffizienten sind ziemlich gering. Das erhöht die Zugangshürden erheblich. Denn meist entscheidet eine Frauenstimme mit launischem Unterton: „Zugriff verweigert“. Wer sich dann ärgert, dessen Wärmekoeffizient steigt adrenalinbedingt schnell, und er hat bei weiteren Annährungsversuchen an die Kühlschrankdame schlechte Karten für eine offene Tür.

Zu allem Übel sind am Kühlschrankschloss auch Öffnungs-Zeitfenster programmiert, was die Zugriffszahlen erheblich einschränkt. Denn gerade in sommerlichen Boomphasen, die Wirtschaftskrisen folgen, steigen die Kühlschrankzugriffsraten ins Unermessliche. Aber all das konnte die Eiszeit im Kühlschrank nicht stoppen. Unser Chef hat haarscharf analysiert, dass ganz entgegen der angeblichen Abschmelzung der Polkappen, die Eisdecke im Gefrierfach ständig weiter wächst. Jetzt kommt die entscheidende Erfindung: die mechatronische Integration der Mikrowelle ins Eisfach. Ihr kommt ökologisch große Bedeutung zu, denn unser Kühlfach wird nie wieder vereisen. Es wurde einfach weggesprengt – das Verdampfen des Eises per Mikrowellen verlief nachhaltiger als berechnet. Abgesehen von kleineren Kollateralschäden, wie der rausgeflogenen Fensterscheibe, verlief die Aktion sehr nachhaltig. Der neu angeschaffte Kühlschrank verbraucht weniger Strom, taut sich ohne mechatronische Intregration und Mikrowelle, wie von Zauberhand, von selbst ab.

Mit dieser „Misson Nachhaltigkeit“ hat sich der „CR“ seine zwei Buchstaben verdient, denn er liegt jetzt voll im Trend der „Corporate Responsibility“. Er rätselt allerdings noch, welcher fatale Softwarefehler seiner mechatronischen Integration Flügel verliehen hat. Am Mikrowellen integrierten Gefrierfach will er weiter forschen. „Das Patent lasse ich mir nicht durch die Lappen gehen“, hat er RA Rüdiger Köbbing, dem Leiter unserer kürzlich gegründeten Patentabteilung, angedroht. Die temporär um das Sprengstoff-sondereinsatzkommando I der Münchner Kripo erweiterte Redaktionskonferenz hat dem CR ein zweimonatiges sonntägliches Kühlschrankverbot verhängt. Das war mir das Tages-Du wert.

Für Tipps zur nachhaltigen mechatronischen Integration ist die Redaktion übrigens sehr dankbar.

Euer Heinrich Mechatronik

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