Weihnachtsfiasko mit Heinrich

Weihnachtsfeiern in der Redaktion, das ist wie Radfahren auf hoher See. Unser Chefredakteur hängt sich einen Bart um, zieht eine rote Kutte an und mimt den Nikolaus. Jeder vernünftige Mensch erkennt: „Das wird peinlich!“ Aber wir sind ja tolerant und haben noch viel Glühwein im Topf. Dann schaut er auf seinen Spickzettel und legt mit tiefer Stimme los:

„Drauss' vom Walde komm ich her. Ich muss Euch sagen, es weihnachtet sehr!“ All überall auf den Tannenspitzen sah ich goldene Lichtlein sitzen; Und droben aus dem Himmelstor sah mit großen Augen das Christkind hervor. Und wie ich so strolcht' durch den finstern Tann, Da rief's mich mit heller Stimme an:“ Wie auf Kommando bellt das Handy. Der aufgeschreckte Künstler unterbricht seine Rede. „Wie gesagt, das ist nur das Christkind. Ich muss kurz mal dran.“ Er drückt sich das Handy auf die weiße Watte über dem Ohr und trollt sich in die Ecke.
Das ist die Chance, auch mal mein Talent öffentlich zu zeigen. Ich springe auf und proklamiere mit Theodor Storm: „Knecht Ruprecht", rief es, "alter Gesell, Hebe die Beine und spute dich schnell! Die Kerzen fangen zu brennen an, Das Himmelstor ist aufgetan, Alt' und Junge sollen nun von der Jagd des Lebens einmal ruh`n.“
Das gilt nicht für unseren Chefredakteur. Er hat es plötzlich fürchterlich eilig: „Meine Frau hat gerade angerufen. Sie sagt, beim freundlichen Opelhändler gibt es Weihnachtsbäume zum Schnäppchenpreis. Sie sind 2 Euro billiger als sonstwo.“ Und schon ist er an der Tür und ruft noch aus dem Treppenhaus „Ich bin gleich wieder zurück“ Vielleicht bekommt der Nikolaus noch einen Presse-Extrarabatt bei Opel.
Ich mache weiter mit Theo Storm: „Und morgen flieg ich hinab zur Erden, denn es soll wieder Weihnachten werden! …."
Nach zwei Stunden und etlichen Bechern Glühwein klopft es an die Tür und der CR steht davor mit einer niedlichen Fichte in der Hand. „Die habe ich bei Opel als Zugabe zu meiner 4-Meter-Nordmanntanne und meine Option auf eine tiefer gelegten roten Shakira-Sport-Limosine.
Und er fühlt sich leider zu einem neuen Gedichtsanlauf beflügelt: „Meine Reise fast zu Ende ist; Ich soll nur noch in diese Stadt, Wo's eitel gute Kinder hat." „Hast denn das Säcklein auch bei dir?", frage ich ihn. "Das Säcklein, das ist hier: Denn Äpfel, Nuss und Mandelkern fressen fromme Kinder gern." – Ich pariere weiter: „Hast' denn die Rute auch bei dir?" Er hält das Fichtlein hoch: „Die Rute, die ist hier, doch für die Kinder nur, die schlechten, die trifft sie auf den Teil, den rechten."
„So ist es recht; so geh mit Gott, mein treuer Knecht!"
Ich versuche die Tür vor ihm zu schließen. Leider hält er sich nicht an die literarische Vorgabe und will nicht gehen. Lieber macht er mit Theodor Storm als Redaktions-Ruprecht weiter: „Von drauss' vom Walde komm ich her; Ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr! Nun sprecht, wie ich's hier innen find! Sind's gute Kind, sind's böse Kind?”
Nachdem das geklärt ist, und die Fichte sich als Rute bewährt hat - und nach einer weiteren Runde Glühwein gibt es die erste weihnachtliche Präsentation aus der Reihe mechatronische Erfindungen unseres Chefredakteurs: „Als ich den Riesen-Weihnachtsbaum in meine Wohnung schleppte, kam mir die Idee. Wir montieren den Baum auf eine Palette, die sich auf vier Rädern Elektromotor getrieben frei bewegen und über Ethernet steuern lässt.“ Das war das Stichwort und der Bastelstartschuss für die Kreativen. Nach zwei Stunden harter Entwicklungsarbeit, 5 Flaschen Barolo und einer Dose Limo ist der Prototyp des elektromobilen mechatronischen Weihnachtsbaums (EMW) nahezu einsatzbereit. Über Vision- und Sensorik-Systeme bewegt sich der Baum selbständig zur nächsten Weihnachtsfeierstelle. „Welch ein riesiges Marktpotential?“, ruft unser Web-Design-Direktor munter in die heitere Runde. Er hat wie immer Recht.
Durch seine frei Beweglichkeit fährt der professionell geschmückte Baum in großen Bürohäusern selbständig im Aufzug von Etage zu Etage. Auch in privaten Wohnhäusern stehen ihm Tür und Tor offen. Es werden an der freien Weihnachtsbaumbörse bereits Optionen für stundenweise Buchungen des EMW fürs Jahr 2021 gehandelt.  Für unsere heutige Weihnachtsfeier haben wir ihn allerdings mit einigen WLAN-Kabeln am Schreibtisch unseres Chefredakteurs festgebunden. Der vorläufig gefesselte frei bewegliche EMW muss sich noch einige Weihnachtsgeschichten anhören. Flucht ist zwecklos.
Sein schlimmstes Erlebnis ereilt ihn gerade mal zwei Stunden nach seiner Entstehung. Auslöser für das frühbaumliche Trauma ist ein weiterer Missionsversuch unseres Chefs – diesmal leider nicht mechatronisch. Er erhebt sich zu voller Größe. Mit seinen   160 ++ cm überragt er alle 190er Kollegen – die sitzen ja alle. (Seine Größenwahnsinnsstory – ich war früher mal 178, 35 cm – also knapp unter 180 und damit fast 2 Meter groß  - erzielt hier nur noch ein wissendes Lächeln, der Kleine wieder...!)
Er hebt an und spricht: „Eigentlich genießt das Weihnachtsfest höchsten Integrationsstatus“ Kurze Gedankenpause. Ein ahnungsvolles Stöhnen geht durch die weihnachtlich geschmückte Redaktion.  Der gefesselte elektromobile mechatronische Weihnachtsbaum sieht irgendwie mitgenommen aus, er versucht zu fliehen. Was meint der CR diesmal mit Integration? Die Kerzen flackern nervös, und es bewahrheitet sich: Er will die Weihnachtsfeier zu später Stunde zum Benimm-Seminar umfunktionieren und sie als Schulungsmaßnahme beim Finanzamt absetzen. Er nimmt tief Luft und spricht: „Integration hat nichts mit plumpen Vertraulichkeiten zu tun. Alkohol geschwängerte Duz-Angebote sowie aufdringliche Annäherungsversuche gehören hier nicht her. Und auf heiße Tanzeinlagen à la Dirty Dancing wollen wir dieses Jahr verzichten.“ Zwei Kolleginnen klettern von den Tischen, die sie nur erklommen haben, um ihren Lieblings-Chefredakteur besser sehen zu können. „Weihnachtsfeier hat nichts mit Faschingsgaudi zu tun“, schließt er sein Ad-hoc-Benimm-Seminar und rückt sich den verrückten Wattebart wieder unter die Nase. „Sehr bedauerlich, was soll denn sonst Spaß bringen?“ Ich kann mir diese Bemerkung nicht verkneifen.
„Heinrich, mir graut vor Dir“, erwidert mein Chef. Im Falle literarischer Zitate ist das Du nicht plump vertraulich und ausnahmsweise auch bei uns gestattet. Jetzt habe ich mir einen Glühwein verdient!

Heinrich 

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