Bild: Karl Bichlmeir
Die Stiefel des Hermes

Die Stiefel des Hermes

Jetzt erhält mein hochverehrter Chefredakteur schon Newsletter von einem Hundeerziehungsheim in Wien. Ich konnte ihm nicht weiterhelfen auf seine Frage, wer ihm diesen Newsletter denn freundlicherweise geordert hat. Ich habe ihm aber die Pressemappe des Hundeheims bestellt - heimlich. Mein Name ist Hase - Heinrich Hase.

Newsletter über alles und jeden sind ein Segen und beinahe so lebenswichtig wie Pressemappen und Blasen an den Füßen. Denn über letztere, die von ersteren stammen, ärgert sich mein Chef noch mehr als über den Vorzugsplatz für Schwererziehbare in der Hunde-Besserungsanstalt.

Die Pressemappe als Einzelwesen ist gar nicht mal so schlecht. Sie verursacht  als solche keinen Ausschlag oder Blasen. Denn sie besteht meist aus gemischten unbedenklichen Werkstoffen, wie Papier für den ausgedruckten Inhalt, der marktgängigen mehr oder weniger schick gestalteten Leitz-Plastikhülle und dem Datenträger. Diese CD steckt meist in einem Plastik-Extrafach oder ist schwer lösbar an die Hülle angeklippt. Diese CDs sollten nur geschickten Chefredakteuren zugänglich sein.

Erschwerend - nicht nur als Masse betrachtet - erhöhen bei einigen Mappen noch die Hochglanzbilder der 20 bis 30 neuen Produkte den Recycling-Wert. Eigentlich verdienen diese Bilder einen natürlichen Ehrenplatz im Fotoalbum neben dem Bild von Tante Erna vor dem Eiffelturm. Auch Überschriften wie "Ein unkaputtbarer Hocheffizienzantrieb" rechtfertigen schließlich höchste Wertschätzung. Aber mein Chef kennt keine Sentimentalitäten, und er jammert auf Messen hauptsächlich vor weiblichen Presseverantwortlichen über das untragbare Bruttogesamtgewicht solcher Mappen. Dafür gibt es dann einen Trost-Capuccino mit auf den harten Weg. Für einen der unter seinesgleichen gerne über Fitness und Leistungsstärke in der Redaktion faselt, ergibt das ein schwaches Bild. Was sind schon 500 Gramm pro Mappe? Bei 30 Besuchen auf einem Messerundgang höchstens mal 15 Kilo.

Höchste Kreativität setzt auch der Materialmix eine Pressemappe am Ende ihres  Lifecycles voraus. Denn wie bei den Babuschkas die eine in der anderen steckt, wird innerhalb des Leitz-Umschlages weiter verpackt. Der schöpferische Höhepunkt wird erreicht, wenn jedes inhaltlich sorgsam bedruckte Blatt in einer Extra Klarsichthülle steckt. Das schafft Arbeitsplätze in der Bestückung, wie in der späteren Materialtrennung, und der Redakteur spart Seife, denn er macht sich die Hände nicht schmutzig. Soviel Aufwand steht für die große Liebe zur Presse. Wenn unser Chefredakteur von hohem Entsorgungsaufwand spricht, zeigt er, wie wenig er die Welt versteht. Er reduziert ein inhaltlich, wie formal ausgeklügeltes Ding auf den schlichten Brennwert und die während des Lebenszyklus der Mappe verbrauchten Kalorien.

Ich gleiche die Trageschwäche meines Chefs aus und freue mich, wenn ich äußerst sympathischen Damen helfen kann: "Lieber Heinrich, würdest Du bitte Deinem Chefredakteur die Pressemappe weitergeben? Unter uns – der war einfach zu faul, die zu schleppen – aber vielleicht lag´s auch daran, dass seine Sohlen gefährlich dünn wurden und mit mehr Gewicht vielleicht etwas schief gegangen wäre. Danke Heinrich…" Hier trifft der Nagel den Kopf. Dicke Füße und dünne Sohlen sind ein großes Problem für manche Chefredakteure und spätestens zur nächsten Hannover Messe will mein Chef den mechatronischen Schuh vorstellen. So einen mit Servoantriebs-Flügeln und Ventilatoren zur Belüftung, wie die an den Chucks des Götterboten Hermes. Mit unkaputtbaren Hocheffizienz-Antrieben bastelt er den geflügelten Schuh. Mit dem will er von Messestand zu Messestand schweben und den Hermes Award 2012 kassieren. Auf den Trost-Capuccino der sympathischen Pressedamen muss er dann verzichten, selbst wenn er mit 70 Kilo Pressemappen federleicht durch die Luft schwebt. Das wirkt nach Batman 3 auf Frauen wie müde Luftakrobatik. Aber mit dem Hermes Award rechnet er fest: "Der ist ja der Namensvetter für meine mechatronischen Schuhe". Verbirgt sich hinter dem mysteriösen H. hinter seinem Rufnamen etwa ein Hermes?
Herzlichst
Heinrich

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