Kleider erschrecken Leute
Was ist ein Erster-Satz-Leser? Neuerdings gibt unser Chef der Redaktion kleine Spontanseminare in journalistischem Ausdruckstanz. Und dabei geht es auch um kurze Schreibbewegungen: Vorspänne sollten zum Beispiel die 30-Zeilen-Grenze in Textortschaften unterschreiten. Denn der Erster-Satz-Leser überliest die 29 folgenden Zeilen – und ignoriert auf Einladungen grundsätzlich den Dresscode.

Allerdings ist dieser Vorspann viel zu lang. Denn kein Erster-Satz-Leser liest Sätze, die aus mehr als 18 Worten bestehen. Dieser Satz war also gut lesbar. Sollten Sie anderer Meinung sein, gehören sie wahrscheinlich zur radikalen Gruppe der Erste-Zeile-Leser. (Treten Sie der Selbsthilfegruppe 1.ZL bei). Zu den 1.ZL werde ich später einige Zeilen schreiben – also zuviel. Bleiben wir bei den Erster-Satz-Lesern (1.SL)

Ein Erster-Satz-Leser ist zwar die abgemilderte Ausdrucksform des 1.ZL, aber auch er leidet häufig unter Kontaktproblemen. Das liegt an den Kommunikationslücken, die nach dem ersten Satz entstehen. Ein Beispiel ist das sog. Mail-Lese-Syndrom. Es tritt auf, wenn ein Erster-Satz-Leser, auf eine zweisätzige Mail eines anderen Erster-Satz-Lesers zweisätzig antwortet. Im Grunde tut jeder das Gleiche, aber es entsteht ein Kommunikationsdesaster, das blutig enden kann.

Das typische Muster: Der erste Satz und der zweite Satz der Antwort beziehen sich zwangsläufig auf den ersten Satz der Ursprungsmail. Der zweite Satz wurde ja nicht gelesen. Ebenso nimmt der Adressat aus der Antwortmail nur den ersten Satz wahr. Es entsteht ein sich exponentiell erhöhender Informationsverlust. In einem verständnislosen hin- und hergemaile gehen die Infos unter und sinken wie die Titanic nach der Kollision mit dem Eisberg – nur viel schneller.

Mit den Informationen sinken auch die gegenseitigen Sympathiewerte. Bis einer entnervt zum Telefon greift und fragt, “liest Du deine Mails denn nicht genau?” Das klingt auch beleidigt, denn das Symptom „Erster-Satz-Leser“ ist meist mit dem Prädikat Vielredner und -schreiber gekoppelt – und die ärgern sich nunmal, wenn keiner ihnen zuhört oder ihre Lang-Phrasen liest.

Sozial gesehen tragen solche Menschen eine schwere Last: Sie lieben Kommunikation, aber keiner zeigt sich gerne mit ihnen. Sie fallen optisch aus dem Rahmen, weil in Einladungen der Passus „Dresscode Business „ meist erst ab Zeile 15 erscheint – also jenseits der Lesegrenze.

Ich habe den Verdacht, mein Chef ist ein Erste-Zeile-Leser. Das würde seine ständigen Fehl-Bekleidungen auf Pressekonferenzen, Erstbesteigungen oder Cocktailpartys erklären. Es soll ja auch Special Guests geben, die pro Gastgeber nur einmal eingeladen werden: Kleider erschrecken Leute.

Ich habe mich deshalb pädagogisch erdreistet und seinem Spontanseminar über kurze Vorspänne und minimalistische Schreibbewegungen ein weiteres zum Dresscode angehängt: „Casual, Smart Casual, Business Casual, Day Informal...... Business? In hohen Führungsebenen oder bei offiziellen Veranstaltungen ist ein dreiteiliger Anzug mit Manschettenknöpfen auch mal gern gesehen.“

Unser Chef kennt drei Teile nur aus der Mechatronik – und die Knöpfe am Hemdsärmel bloß vom Flohmarkt. Wer sich Dresscodes bewusst verweigert, muss sie aber erst einmal kennen. Auf unserer Hompage sind meine Recherchearbeiten verlinkt.

Machen Sie den Kleidertest:
http://www.me-magazin.com/Dresscode.pdf

Herzlichst
Heinrich


spacer
Online Werbung @ [me]
spacer