Bild: Karl Bichlmeier
Texte mit Voodoo formatiert

Das Leid am Anti-Rumpelstilzchen Syndrom ist groß. Kürzlich ging mein Chef zum Mindcheck zur Psychologin seines Vertrauens. Ständig vergisst er seine Passwörter und sie sollte ihm über die ultimative Eselsbrücke den Weg aus dem Land des Vergessens zeigen.

Warum die Welt sich hinter Kennworten versteckt, ist nicht immer klar. Zuweilen verbergen sich sogar Presseinfos in Passwort geschützten Räumen – und wenn die Passwörter dann noch regelmäßig neu gewählt werden müssen, vergessen manche Leute ihre eigene Wahl. „Kennen sie die Geschichte von Rumpelstilzchen“, fragt die Therapeutin meinen Chef. „Das ist doch der, der ums Feuer tanzte und sich freut, dass niemand seinen Namen weiß“, erinnerte er sich – wohl an seine Tanzstunde. „Richtig, Rumpelstilzchen glaubt, der einzige zu sein, der seinen Namen kennt und ist letztendlich deshalb geplatzt. Sie meinen, dass Sie der einzige sind, der seinen Namen oder sein Passwort nicht kennt. Sie werden deshalb nicht platzen, es sei denn Sie essen vielleicht ein Minzblättchen zuviel“, beruhigt sie ihn. Er isst ständig zu viel!

„Aber als ich ein Kennwort neu angefordert hatte, fehlte mir dazu der Anmeldename“, regt sich mein Chef auf. „Wie peinlich das war, als ich dann freundlich aufgefordert wurde es mit Vor- und Nachname zu versuchen.“ Und seine Facebook-Freunde warten vergeblich auf Antwort. Ohne Kennwort läuft sozial nichts. Ein neues gibt es nicht, da er den verklausulierten Sicherheitscode zum neuen Passwort nie richtig erkennt: „Heißt das jetzt Groscho98 oder GroxxoB3?“

„Bitte entspannen Sie sich und legen sich bitte auf die Couch“, fordert sie ihn auf: „Was bedrückt Sie wirklich?“ Wahrscheinlich hat er sich dann über bösartige Kollegen beklagt oder sein Leid mit den Textformatierungen geschildert? Denn die machen wirklich krank. Diese hochkomplexen Kennworte für Textseiten muss der Redakteur erst knacken, bevor er den Inhalt bearbeiten kann – das kostet Zeit und Nerven.

Kürzlich hörten wir verzweifelte Schreie aus dem Chefzimmer: „Wie kriege ich den Strich weg? Wie lasse ich das Logo verschwinden, wenn ich die grünen Punkte nicht finde, um es anzupacken und endlich zu löschen.“ Dann flog eine Maus aus dem Zimmer und zerschellte an der Wand. Ich habe sofort die Tierschutzbeauftragte alarmiert. Besser wäre wohl seine Mindcheck-Vertraute gewesen. Doch damals hatte ich die Nummer noch nicht. Redakteure würden gerne Texte mit überflüssigen Formatierungen ein für allemal löschen. Denn den Inhalt zu schonen und die Logos, Linien und Kästen separat zu löschen, erfordert komplexes Datenmanagement. Schließlich wurden diese Extraformate von hochspezialisierten Formatierungskräften CI-gerecht in Textseiten verbaut.

Dank vieler geheimer Befehle und etwas Text-Voodoo widersetzen sich solche Formatierungen dem schlichten Copy and Paced. Wer glaubt das schmucke Beiwerk durch schlichtes ausschneiden und in ein leeres Dokument reinkopieren loszuwerden, erlebt sein blaues Wunder: Logo, Linie und Kästen bauen sich breitbeinig wieder in der neuen Datei auf. Das löst Panik aus? Sind Logos Viren, die Redaktionen unterwandern sollen? Jetzt ist Konfrontation mit den Formaten angesagt. Wenn Firmen ihr Corporated Design gegen den Weltfrieden richten, sieht mein Chefredakteur rot. Er versteht den Zauber der Linien im Text nicht und findet Kästchen im Text genauso wenig sexy wie ein kompliziert ins Layout eingeflicktes Logo oder die sorgfältig doppelt eingekapselte und schreibgeschützte Adresszeile.

Formatieren scheint die Kür mancher Presseleute in den Unternehmen zu sein. Die so sorgfältig hergerichteten Meldungen sind für Redakteure vom Schlag meines Chefs „der Horror schlechthin.“ Doch der Voodoo-Schmuck lässt sich nur mit 1 000 Tricks löschen. Aus der Friedhofsgärtnerei für Texte führt kein Weg. Wird solch ein explosiver Text während der Bearbeitung an der falschen Stelle angepackt, rutschen die Kästen übereinander und ein schrilles Embedded-Logo verdeckt die wenigen Hard Facts. Bestenfalls löst sich der Text jetzt in seine Buchstaben auf oder der PC stürzt aus humanitären Gründen ab. Wir formatieren bis der Arzt kommt.

 

Herzlichst
Heinrich


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