Bild: Mark Petrisch Photocase
Wahl der Waffen

20 Prozent weniger Stromverbrauch bis 2020 proklamiert die Bundesregierung. Begnadete Mechatroniker wollen solange nicht warten. Jetzt mal schnell die Welt retten, darauf kommt`s an. Das Turbo-Abtauen unseres Redaktionskühlschranks beweist Methode. 

„Unsere Energiesparpotenziale sind längst nicht ausgeschöpft“, bemerkt unser Chefredakteur und ärgert sich gleich im nächsten Satz, dass niemand ihn zum Heliskiing einlädt. Er ist vehement gegen zuwenig Eis auf den Polkappen und gegen zuviel Eis im Gefrierfach des Redaktionskühlschranks. Die Kompressionskältemaschine hat bereits mehrere mechatronische Umbauversuche erfolgreich überlebt, wie zum Beispiel Remote Radio Frequency Control.

Sobald ein Redaktionsmitglied den Radiosender Bayern 4 wählte, sollte der Kühlschrank beim Metzger eine sound-levelgesteuerte Anzahl von Weißwürsten bestellen. Beim ersten Versuch wurden gleich 500 Würste bestellt und beim zweiten die GEZ eingeladen. All das verlief schmerzfrei – für den Kühlschrank jedenfalls. Beim servoverstärkten Abtauen hat sich der Spieß gedreht. Um schneller Energie zu sparen und das Eis zu brechen, wählte mein Chef ein besonderes Servo-Turbotool: die hammerschlagverstärkte Spachtel. Statt Presslufthammer sollte simple handbediente Mechanik die Eisschollen an den Wänden brechen.

Das Ziel hat Wolfgang von Goethe im Osterspaziergang definiert: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche ... .“ Die Methode war nicht von der Entropie beseelt, denn mit 1 Joule / Kelvin hätte er 0,893 cm3 Wassereis schmelzen können. Das schien zu energieaufwändig, mit Hardcore-Mechanik wollte er das Ergebnis beschleunigen.

Also schwingt unser verehrter Herr Chefredakteur den Hammer, beschleunigt damit die Spachtel, die hart aufs Eis trifft. Der Schlag war ziemlich kräftig, was sicherlich am Boxsack in unserer redaktionseigenen Dachkammer liegt. Jedoch erwies sich das Eis als weniger hart als von materialkundlich unbedarften Mechatronikern gemeinhin angenommen. Die Spachtel arbeitete sich mit hubverstärkter Klinge scharf durchs Eis und im nächsten Schritt durch die wenig widerstandskräftige Plastikwand des Eisfachs. Es zischt... und die Kältemaschine hauchte ihren kühlenden Atem aus. Selbst der dicke Streifen Hansaplast wirkt nicht reanimierend.

Sensationslüstern war unser [me]-TV-Team gleich zur Stelle und wollte den Chefenteiser bewegen, die Aktion mit Spachtel und Hammer oder Eispickel für die Ausbildung technisch interessierter junger Menschen nachzustellen. Der Film sollte als technische Dokumentation die Gefahren der Geomorphodynamik in sich schnell verändernden proglazialen Systemen zeigen. „Rettet die Alpen“ sollte der Hit auf Youtube und allen Öko-Aufklärungs-Kanälen werden. Die Aussicht auf die Rolle des Oswald Kolle der Enteisungsentwicklung hat mein Chef sehr kleinlich als „Verletzung der Persönlichkeitsrechte und mechatronischen Handlungspielräume“ abgelehnt.

Das entscheidende Argument zielte allerdings in eine völlig andere Richtung. Auf der eigens für Aufklärungsvideos einberufenen Redaktionskonferenz forderte mein Chef, die strikte Erhöhung der Frauenquote in [me]- Filmen: „Frauen vor die Kamera. Wir müssen dem männlichen Dominat in der Technik die Techno-Dominas entgegenstellen.“ Das Kino lebt von starken Frauen: Greta Garbo, Audrey Hepburn und Sophia Loren bis hin zu Meryl Streep und Julia Roberts. „Unser Enteisungsvideo schreit nach einer weiblichen Hauptrolle.“ Doch der Vorstoß in Richtung Frauenpower stößt auf wenig Gegenliebe. Er überschätzt die Sehnsucht der Stars und Sternchen nach Ruhm in Hollywood oder auf Youtube.

„Die Rolle des Eisheiligen musst Du schon selbst übernehmen. Frauen tauen keine Kühlschränke mit Hammer, Spachtel und Eispickel ab“ , bemerkt eine weibliche Redaktionskollegin und empfiehlt eine etwas sorgfältigere Wahl der Waffen, denn auch die Natur befreit sich nur allmählich vom Eis – was Goethes Osterspaziergang ja eindrucksvoll belegt.

Herzlichst Ihr Heinrich

 

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