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Kühlschrank 4.0

So trübe war es seit Jahren nicht mehr. Der Winter war dunkel und hat nach dem ein oder anderen Frühlingsversuch immer wieder zugeschlagen. Der Frühling hat sein Losbrechmoment verpasst. Das wirkt sich auch auf unsere Redaktionsarbeit – und noch viel schlimmer – auf unser Mittagessen aus. 


Das Dauergrau dieses Winters lässt viele Menschen Trübsinn blasen – so auch meinen Chef.


„Schlafen bei vollem Lohnausgleich. Arbeiten im Igelmodus, das wäre jetzt toll“, mit diesen Worten hat er kürzlich die Redaktionskonferenz eröffnet, aber gleich gefragt, warum noch nicht alle Beiträge vorliegen. Ein medizinisch gebildeter Kollege im Team war gleich mit einer Erklärung zur Hand: „Sobald das Tageslicht knapp wird, bildet das Gehirn Melatonin. Unter Einfluss dieses Hormons schaltet der Körper auf Schlaf, und der Redakteur unterliegt einer natürlichen Verlangsamung“. Das Nordlicht-Phänomen gipfelt in der „Entdeckung der Langsamkeit“, das Sten Nadolny so trefflich beschrieben hat. John Franklin, Polarforscher und Kapitän, hatte wie einige Redaktionsmitglieder immer wieder Probleme wegen seiner Langsamkeit. Aber schließlich machte ihn seine Beharrlichkeit zum großen Entdecker.


So wurde nun auch mein Chef zum Entdecker: Er hat die schöpferische Kraft der Integration entdeckt. Das ist so, wie die Entdeckung untergehender Kulturen, oder wenn ein Papst twittert, um der Weltöffentlichkeit das Wetter auf dem Petersplatz mitzuteilen. Integration an sich ist revolutionär, denn noch vor einem Jahr gab es sie so gut wie nicht. Zumindest in unserer Redaktion. Unser Kühlschrank hat damals nur gekühlt. Er war noch nicht in der Lage, die Zutaten für den Gemüseauflauf zu bestellen, zuzubereiten, zu garen und die Redaktion um 12 Uhr pünktlich zum Mittagessen zu rufen. Heute ist er ein waschechter Kühlschrank 4.0. Auch mein Chef möchte ein CR 4.0 werden.


Er überlegt wie er googeln, facebooken, twittern und dabei noch recherchieren, schreiben und redigieren kann. Integration wird großgeschrieben – und alles soll in voll-integrierten Arbeitsgängen optimiert werden – Social 4.0. „Wir stehen vor einem Durchbruch der Synergie“, feiert er das neue System. Allergings fehlt zum vollständigen Synergieausbruch noch das Kanufahren während des Tageshochs, also zur Zeit des einzig nachweisbaren vollen Wachzustands zwischen 11.30 und 12 Uhr im April. „Schließlich gab es auf dem Höhepunkt der Konjunktur vor einem Jahr noch mehr aktive Kanufahrer als Twitterer.“ Jetzt will er Social 4.0 mit Kanufahren verbinden. Das wäre ein echter Fortschritt für weitere, aber nicht allzu tiefe soziale und sportliche Kompetenzen – vorausgesetzt er ist um 12.05 Uhr wieder aus dem Wasser, wenn das Leistungshoch nahtlos in Hunger übergeht, und der Kühlschrank ruft.


Denn der Kühlschrank reagiert unangenehm auf fahrlässige Verspätungen. Solch massives Soft-Skill-Versagen bestraft er streng. Für diese Entdeckung der Langsamkeit gibt es zwei Wochen Slow-Food – also die ganz langsame Abgabe von Nahrungsmitteln – Slow 4.0.


Landauf, landab greift jetzt die Integration um sich. Ein großer Messeveranstalter aus dem deutschen Norden verkündet „Integrated Industry“ und trommelt für die intelligente Fertigung. Baden-Württemberg, etwas weiter südlich, beschäftigt eine Integrationsministerin, die von Alice Schwarzer sagt, sie sei eine Spaßbremse. In München hat die Aprilsonne die Winterdepressionen der [me]-Redaktion vollständig vertrieben. Mentale Integration führt hier wieder zur durchgängig breiten Kenntnis der Materie, aber keiner tiefen. Dazu hellt sich die Stimmung auf – und auf den Winterblues folgt die Frühjahrsmüdigkeit. Damit wären wir wieder beim Ausgangspunkt: Schlafen bei vollem Lohnausgleich.

 

Herzlichst

Ihr Heinrich

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