Ein Faktor, der keiner ist

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Was ist hier der Formfaktor 1:1?

 

Redakteure und andere Kreative arbeiten im Weinberg des Zeitgeists. Wenn die Erntehelfer dann noch Weinkenner sind, stimmt das Ganze. Wehe dem, wenn sie sich nur für Sprachversteher halten. Dann kann es durchaus sein, dass sie sich unverstanden fühlen, weil sie selbst nichts davon verstehen, und es fallen Sätze wie: Wenn uns unsere Zielgruppe nicht versteht, dann ist es nicht unsere Zielgruppe. 


Mein Chef ist ein kluger Mann. Er macht nicht alle Fehler selbst, sondern gibt auch anderen eine Chance. Und solche Chancen werden fleißig genutzt. Tag für Tag flattern Meldungen in unsere Redaktion, sie sind der Hagel im Weinberg des Zeitgeists der Mechatronik. Sie verlautbaren, wie Applikationen implementiert werden, sie lobpreisen Lösungen, Plattformen oder Innovationen für höhere Effizienz, die natürlich immer von weltweit führenden Lösungs- und Systemanbietern stammen.


Um was es in Wirklichkeit bei solchen Worthageln geht, bleibt meist das Geheimnis der Phrasendrescher. Keiner mag solche Texte redigieren und darf sie auch nicht als Blogbeitrag in Facebook posten. Davon hat mir unser Social-Media-Experte (siehe Seite 12 f) dringend abgeraten. „Der Shitstorm bleibt an Dir hängen, nicht an den Machern dieser Phrasen“.


Sie werden sich am „Ende des Tages“ (Plattitüde für Dunkelheit) wohl sagen, „wenn uns unsere Zielgruppe nicht versteht, dann ist es nicht unsere Zielgruppe.“


Vielleicht ist das weite Feld der Mechatronik und mit ihr des Engineerings, ein Biotop, das den Phrasenhagel magisch anzieht? Gibt es ihn bereits, den mechatronischen Phrasomaten im Formfaktor 3. Aber was hat hier nicht alles einen besonderen Formfaktor? Was ist zum Beispiel mit dem angeblich unveränderten Formfaktor des iPhone 5S aus der Apple-Werbung gemeint?, fragte unser Chefredakteur bei der letzten Redaktionskonferenz die eingeschworene iPhone-Fraktion. Das Seitenverhältnis eines Bildschirms, wie etwa 16:9? Nein, das wäre ja ein Quotient, kein Faktor. Wiki übersetzt die Phrase als „Angabe über Größe und Befestigungsmöglichkeiten eines Bauteils“. Sauber argumentiert! Das ist in etwa so eindeutig wie sich eine Birne, die als Apfel im Flaschen-Formfaktor mit langbauendem kompakten Kerngehäuse definiert ist, auf speziellen Kundenwunsch am Birnbaum appliziert wird. Zurück zum Smartphone – die Frage bleibt offen: Vielleicht ist dieser Formfaktor das relative Größenverhältnis zweier Geräte? Etwa das eines 4-Zoll-Samsungs im Vergleich zu einem 3,5-Zoll-iPhones? Da wäre dann der mittlere Smartphone Formfaktor 0,7. Nur die NSA kennt die Hintergründe der geheimen Faktoren.


Wenn solche unnötig länglichen Wortgeschöpfe aus der Festplatte purzeln, wirkt das einfach cooler! Lernprozesse sind immer kreativer als das schlichte Lernen, doziert unser Kreativer. Die Wahlwerbung der Parteien setzt wieder Zeichen für die Sprache der Nation. Profile werden stets „geschärft“, um „kreativ genutzt“ zu werden. Egal wer uns regiert, sie sprechen alle gleich. Die Phrasomaten laufen bei den Parteien zu Wahlzeiten auf Hochtouren. Denn mit nur 5 Modulen lässt sich eine Horst Peer-Angela Rede bauen – ganz ohne Redenschreiber – mit einer stimmigen Form. Das ist der höchste mechatronische Faktor.


Den Formfaktor übernehmen wir Redakteure gerne, er klingt eindeutig mechatronischer als die meist wenig geglückten Anglizismen, die in der sogenannten „Marketing- Speech“ heimisch sind. Die klingen allerdings globaler als jeder Formfaktor, der in Wirklichkeit ja ein verwunschener Quotient ist. Sprache muss sich weiterentwickeln, schließlich stammt unser Deutsch schon mal zur Hälfte vom Griechischen und Lateinischen ab. Im 18. Jahrhundert „parliert“ der Mensch von Stand auf Französisch. „Während der napoleonischen Besatzung drang das Welsche gar in den Volksmund ein. Bluse kommt von Blouson, und mausetot ist nichts anderes als mort si tôt“, erklärt Zeit-Mitherausgeber Josef Joffe das ehemalige und neue Sprach-Enrichment. Schickse, Tacheles, Ganove kommen aus dem Jiddischen, Espresso und Gigolo sind eindeutig Italo-Worte, und der Roboter ist ein Russe. „Zum Schluss, als veritabler, äh, wahrer Tsunami, ist das Englische eingewandert“, schreibt Joffe. Bleibt die Frage, wer möchte bei so viel schöner globalisierter Sprache noch einen Formfaktor, der keiner ist?

 

Herzlichst

Ihr Heinrich

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