Ballpoints from Outer Space –

„Ich habe da in einem mir überreichten Kuli eine verdächtige Komponente gefunden“, mit diesen Worten stürmt mein Chef in die Redaktion und hält eine seltsam geformte Patrone hoch. Sie sieht aus wie eine kleine Rakete, die vorne färbt sobald sie mit Papier unter Ausübung geringfügigen Drucks in Berührung kommt. Wir beenden den Test, denn das Ding könnte hochgehen. 


Aber die Frage stellt sich, was wohl passiert, wenn wir die Patrone unbeaufsichtigt im Münchner Hauptbahnhof liegenlassen oder in der nahen ADAC-Zentrale abgeben.


Eine erste Warnmeldung für unbeaufsichtigte Stifte ist in der Redaktion eingetroffen: „Stapeln Sie keine geschenkten Kugelschreiber, Utensilien und andere Nettigkeiten auf dem Chef-Schreibtisch oder im Besprechungsraum! Schenken Sie sie weiter, am besten an jemanden außerhalb der Firma.“ Das rät uns eine auf Büro-Security spezialisierte Agentur und bietet direkte Rettung: „Ein zuverlässiger, prophylaktischer Check in vielen Büros ist schon ab einem kleineren vierstelligen Betrag möglich.“ Wir rechnen bei diesem selbstlosen Hilfsangebot mit 1 001 bis 6 999 Euro mal die Anzahl der Räume. Ich werde mich erkundigen, wie hoch der kleine Vierstellige tatsächlich ist. Klar, wir müssen alle sensiblen Verlagsräume auf verdächtige Kugelschreiber untersuchen lassen. Ich warte jetzt auf grünes Licht vom Chef.

 

Grüße aus Troja


Die Sicherheit bleibt ein brisantes Thema in unserer Redaktion. Pure Neugier brachte schon im alten Troja die Griechen und mit ihnen zahlreiche Viren in die Stadt. Unser Chef hat Altgriechisch gelernt und sieht sich dieser Tradition verpflichtet. Er öffnet Mails, die Telekom-Rechnungen in der Höhe von 384,18 Euro ankündigen – auch wenn keiner im Hause Troja ein Vertragsverhältnis mit diesem Anbieter pflegt. „Das war meine journalistische Freiheit“, sagt er nach zwei Tagen Zwangsquarantäne im Cyber-Physical-Outer-Space. Nach dieser Erfahrung werden bei uns jetzt auch Kugelschreiber mechatronisch sonderbehandelt.


Jeder durchläuft einen hausinternen Sicherheitscheck. Anschließend werden sie alle ordnungsgemäß versteuert – auch wenn sie nur allzu selten zum Erzielen zu versteuernder gedruckter Ergebnisse führen: Gemeint sind die heißen Enthüllungsgeschichten, die Ruhm und Kohle bringen. Also solche, warum dem 5er BMW quasi naturbedingt der Platz 5 in den Gelbe-Engel-Charts gebührt. Klar, das ist mein Ressort. Leider war die Story eher dünn: „Der Platz 7 wäre für den 7er BMW ideal gewesen, aber dort musste ja der Tiguan eingeparkt werden“, sagten mir die Engelsmacher der automobilen Hitparade.

 

Gefährliche Minen aus der EU


Bleibt die Frage, wohin mit den vielen Kugelschreibern nach dem Versteuern? Oder vielleicht doch nicht versteuern und ab in die Schweiz damit? Bei Grenzkontrollen ist das riskant, mehr als 280 Stifte mit von der NSA als gefährlich eingestuften Minen im Jackett zu tragen. Außerdem haben die Schweizer ja gerade mal wieder gegen Masseneinwanderung gestimmt – vielleicht aus Angst vor den vielen Italienern, Deutschen und Franzosen, die von ihrem Wohlstand partizipieren wollen. Oder sie sind nur den akuten Dichtestress leid. Zu viele Nichtschweizer verstopfen Autobahnen, Züge, Bars und Nummernkonten. Schließlich war das Land ja 30 Jahre für Alice Schwarzer das Wunderland ihrer Befreiungskampagne: „Mein Konto gehört mir.“ Aber besser verstopfte Autobahnen, Züge, Bars und Nummernkonten als die Niederlage im „War for Talents.“ Die Eidgenossen haben jetzt für einen echten Sprengsatz mit der Sprengkraft von 20 Mio. Ballpoints gestimmt. Viele Firmen werden ausgebremst aus Mangel an qualifiziertem ausländischem Fachkräften. Wer überreicht uns dann noch Raketen-Kulis?


Die sind gegenüber diesem Desaster eine echte Bagatelle – auch wenn ihr Wechselkurs zum Franken jetzt besser steht. Aber wer füllt schon gerne sein Nummernkonto mit Kugelschreibern? Wie viele Kulis wohl Alice Schwarzer in den letzten 30 Jahren für ihre Millionen an eingesparten Steuern auf ihrem Schweizer Konto angesammelt hätte? Sie ist ja auch erfolgreiche Redakteurin. „Dafür müsste selbst ein guter Fachredakteur viel schreiben“, sagt mein Chef und wendet den Blick demonstrativ von mir und meinem mechatronischen Ballpoint-Checking- Device (M-BCD) ab. Ich wende mich jetzt meinem neuen Filmprojekt zu: „Ballpoints from Outer Space!“

Herzlichst

Ihr Heinrich 

 

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