Sherlock Holmes entdeckt versteckte Programme.(Foto: Karl Bichlmeier)
Mails für Harry Potter

Wo fühlt sich eine Redaktion besser untergebracht als in einem Schloss. Nirgends sonstwo! Deshalb plant mein Chef jetzt das Waldbüro der Redaktion in der Münchner Schragenhofstraße in ein Schloss umzuwandeln. Der Name steht schon fest: „The Real Hogwards“. Als Prof. Dumbledore würde er sich gut machen. Klar, Heinrich wird dann ganz geschmeidig in die Rolle des Harry P. schlüpfen. Doch wer ist Voldemort, dessen Namen ich nicht nennen darf? 


Die Regie schlägt variable Rollen vor. Es sind also viele. Von den Voldemorts landen regelmäßig Mega-E-Mails in Dumbledores Büro. Alarmstufe rot ist, wenn wieder 40, 50, 60 oder 75 MB schwere E-Mail-Geschütze im Hogwards Laptop einschlagen. Die sind dann als ganz wichtige Meldungen, mit hohem Nachrichtenwert getarnt: „Wir setzen weiterhin auf Wachstum.” Doch bis es so weit ist, feuern sie stündlich bis zu 100 MBs raus. Das Ziel steht uns deutlich vor Augen, die nächste Mail wird die stufenweise Erweiterung des Kundenkreises ankündigen. Au Weia, dafür werden wohl Mails in Gigabyte-Größe auf uns angesetzt.


Aus der Not heraus haben wir jetzt eine Stelle für eine/n E-Müll- Verantwortliche/n ausgeschrieben. Löscharbeiten auf E-Mail-Konten gibt es reichlich – ob allerdings eine 40 Stunden-Woche reicht, ist zweifelhaft. Vielleicht hilft es auch gegen die unendliche Ausdehnung des Cyber-Imperiums des bösen Lords, den Pressestellen die Möglichkeit des Downloadservers nahezubringen: ”Sende einen Link zu mir, und ich gib Dir Redaktion dafür.” Gut, so ganz von gestern sind die ja nicht, sie sind nur gründlich und wissen aus dem Nähkurs, die doppelte Naht hält besser. Also gibt es den fortschrittlichen Link auf der Dropbox oder über FTP (!) plus der 15 Bilder des neuen Firmengebäudes. Das zeigt uns deutlich, dass die wirklich voll auf Wachstum setzen. In der Bildgröße lassen sie sich auch nicht lumpen, die Größe ab 5 MB symbolisiert – das ist ein gesundes Unternehmen! Macht zusammen 75 MB pures Wachtum.


Bei soviel Grundlast geht der stärkste Rechner in die Knie. Denn hierzulande gibt es ja, Gott sei dank, viele vor Gesundheit strotzende Firmen, und über die Konjunktur braucht keiner zu klagen. Mein Chef hat sich also Tune-Up-Programme angelacht und massenweise installiert. „Früher bei meinen Mantas und Käfern habe ich das auch schon gemacht“, sagt er und lädt er. Den Fuchsschwanz für den getunten Laptop gibt es trotzdem noch nicht (Achtung: Marktlücke!). Vielleicht liegt das ja auch daran, dass die Computertuner zwar kostenlos daherkommen, so als Testversion, und ihrerseits unglaublich viele falsch installierte Programme, Cookies und ... entdecken und den Computer „bereinigen“. Dann kommt der Tag der Abrechnung. „Bitte registrieren Sie sich“ und das geht nun mal nicht ohne Visa & Co.


Dann lässt sich die freundliche Registrier-Aufforderung nicht so einfach wegklicken. Wo ist hier das Wegklick X? Es folgen wildes Geklicke und einige überdosierte Einschüsse an Adrenalin in die Blutbahn. Braucht das der Mensch? „Nein, wir deinstallieren“, lautet jetzt die Order. Solche Programme verstecken sich ganz listig. Am Sammelort der anderen Programme in der Systemsteuerung findet sie keiner. Vielleicht das Detektivbüro, das uns regelmäßig anschreibt und auf solche und andere Gefahren hinweist, wie auf die vielen Arbeitnehmer, die sogenannte närrische Tage nutzen, um sich von der Arbeit illegal frei zu nehmen und ausgelassen zu feiern: „Zum Karneval dank Krankenschein.“ Aber die Detektive haben die Blaumacher entdeckt: „In den vergangenen beiden Jahren konnten wir bei rund 100 Einsätzen, die mit dem bunten Treiben der fünften Jahreszeit in Verbindung zu bringen waren, in 94 Prozent den Lohnfortzahlungsbetrug zweifelsfrei und gerichtsverwertbar nachweisen“, so die Verlautbarung. Vermutlich standen Sherlock und Watson in Köln, Mainz oder in München beim Starkbieranstich an ebendiesen Tagen höchst unauffällig an einschlägig bekannten Ecken. Gut getarnt mit Hut, Spiegelbrille und Trenchcoat haben sie die sündigen Narren fotografiert.


Wir haben diesen detektivischen Support angefordert. Mit Hilfe von Sherlock Holmes ist es also Harry Potter und Professor Dumbledore gelungen, das Programm in Flagranti beim Uptunen zu erwischen, dingfest zu machen und zu deinstallieren. Nicht ganz: Kurz vor Ende – 4 Sekunden bis zum Knockout – zeigt sich ein völlig anderes Bild auf dem Bildschirm. In warmen Farben, mit sanfter Musik untermalt steht dort in roten Lettern: „Heute ist Ihr Glückstag – Sie haben noch 14 Stunden, 43 Minuten, 28 Sekunden Zeit bis zur Deinstallation. Bleiben Sie bei uns, füllen Sie den Fragebogen aus und abbonnieren Sie den Newsletter. Unser Support steht 24 Stunden für Sie bereit.“ Mein Chef wechselt die Farbe, seine Gesichtsfarbe tendiert ins Magenta, er brüllt und wirft den Laptop gegen die Wand. All der Aufwand war vergebens, das Up- und Downtunen genauso wie das nicht ganz billige Engagement von Sherlock Holmes und seinem Kumpel Dr. Watson.


Herzlichst

Ihr Heinrich 

 

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