Spezialität des Hauses: Der Tiger-Kaffee
„Ein Tiger-Kaffee, gefällig?“

Vor allem nach Messen und nach Fußballspielen schießen positive Bilanzen wie Pilze aus dem Boden. Die Hannover Messe war so eine Pilzmesse und die Fussball-Weltmeisterschaft in Brasilien wird ein Eldorado (eine Goldstadt) für Bilanzieros. 


Die klassische Bilanz lässt sich mit einfachen Mitteln ziehen: ohne Zange, Zaudern und Zahnarztstuhl. Als Pressemitteilung liest sie sich etwa so, wie mein Chef kürzlich in seinem Schreibkurs für Andersdenkende auf der Redaktionskonferenz doziert hat: „Die nächste Bilanz ist so sicher wie das Amen in der Kirche, also so wie mindestens ein deutscher Sieg bei der WM in Brasilien.“ Er hat deshalb am Wochenende für Jogi Löw eine vorläufige amtliche Zwischenbilanz verfasst. Sie lautet: „Der direkte Dialog mit vielen am Sieg interessierten gegnerischen Mannschaften hat uns gezeigt, dass wir den immer komplexer werdenden Anforderungen auf dem Platz in Zeiten der WM gerecht werden und so die Wettbewerbsfähigkeit unserer Mannschaft steigern können“. Das gute an dieser Vorlage: Sie lässt sich auf alle Lebenslagen übertragen. Wird zum Beispiel die „gegnerische Mannschaft“ durch das Wort „Kunde“ ersetzt, passt sie ins Vokabular eines jeden Unternehmenssprechers.


„Der Münchner Lösungsanbieter ME zeigt sich mit dem Messe- Verlauf zufrieden: „Der direkte Dialog mit vielen interessierten Besuchern hat uns gezeigt, dass wir den immer komplexer werdenden Anforderungen bei YES-Lösungen in Zeiten der „Congenial Factory“ gerecht werden und so die Konkurrenzfähigkeit unserer Kunden steigern können“, freut sich PS über die positive Bilanz.“ (Namen, Orte und Produkte sind frei erfunden – Anmerkung der Redaktion). Nach dem Tagesordnungspunkt „Schulungen“ ging es auf unserer Redaktionskonferenz um die entscheidende Frage des Sommers: Stehende oder hängende Geranien? Nur auf den ersten ungeschulten Blick erscheint das als unwichtiger Exkurs zum Thema positive Außenwirkung. Die hängenden Geranien werden von Außen sehr wohl wahrgenommen, wenn sie rot und vollblütig vom Balkon runterbaumeln. Aus der Sicht des Insiders (das ist der, der auf dem Balkon steht und eine Zigarette raucht) sind sie unsichtbar. Sie sind ja nur für Outsider als Blumenpracht identifizierbar.


Die stehende Geranie dagegen zeigt sich beidseitig erkennbar. Von Außen und Unten allerdings weniger als von Oben und Innen. Hinzu kommt, dass ihre Blüten dickere Dolden bilden. Sie ist der oberbayrische Klassiker, der in seiner Popularität nur noch vom Biergarten übertroffen wird. Die Maßkrüge stehen hierzulande allerdings nicht auf jedem Balkon – anders als die Geranien. Und Biergärten soll es laut bekanntgewordener süffisanter Notizen der NSA sogar in Hamburg, Düsseldorf und Hannover geben. Allerdings hat der US-Geheimdienst laut Snowden dort keine Geranien detektiert – weder hängend noch stehend. Wir sind in der Gretchenfrage des Sommers zu keinem Ergebnis gekommen und warten auf unsere Stilberaterin.


Nach solchen zermürbenden Konferenzen gibt es bei uns immer einen Kaffee – und der ist Chefsache.


Denn jeder kann etwas – und mein Chef kann den Kaffeevollautomaten unfallfrei bedienen. Gleich nach der ungelösten Geranien- Frage hat er am Kaffeevollautomaten eine neue Fähigkeit entdeckt: den Kaffee mit Raubkatzenmuster. Dazu hat er den Espresso mit der typisch 1,86-mm-Crema leicht geschüttelt – und nicht gerührt – und je nach Beschleunigung und Vibrationsmoment ein Leoparden-, Geparden- oder Jaguar-Muster erzielt. Das Tiger-Muster ist die Königsdisziplin, die nur selten gelingt.


Auch das erscheint auf den ersten Blick als eine völlig sinnfreie Fähigkeit. Die Frage, wer möchte einen Raubkatzenkaffee, wurde auch von uns Redaktionskollegen nicht ganz ernst genommen: Was will er denn schon wieder? Aber alle haben dann einen Black- Panther-Kaffee geordert.


Aus dieser Erfahrung heraus erlaube ich mir einen mechatronischen Seitenhieb anlässlich der Automatica, wo sicherlich wieder zahlreiche Kaffeeroboter rumhantieren. Meines Erachtens werden hierfür besonders Studenten unschön mit mühseliger Mechatronikentwicklung und -programmierung traktiert. Mit einem Übermaß an Software, Schaltungen und überflüssigen Bauelementen produzieren diese Kaffeeroboter dann langsam, umständlich, ungeschickt und völlig unnachhaltig eine ungenießbare Kaffeeplörre. In unserem Kaffeevollautomat kocht dagegen ein Microcontroller zusammen mit einigen mechanischen Komponenten und Antrieben und ein paar Bit Software besten Kaffee – auf Wunsch sogar Tiger-Kaffee. Und welcher Kaffeeroboter hat das schon im Programm?

Herzlichst

Ihr Heinrich 

 

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