Wer kennt kollaborative Kollaboration?

Atemlos durch die Redaktion, so ist unser Chef kürzlich aufgetaucht. Allerdings ohne Helene Fischer. Die Irritation war ihm ins Gesicht geschrieben. „Was ist kollaborative Kooperation?“ Die schwierigen Worte kommen ihm nur abgehackt über die Lippen. „Ja, das steht in einer Nachricht. Das betreiben jetzt viele Aussteller der Motek ... . Habt ihr einen Kaffee?“ Ich reiche ihm die von ihm entwickelte mechatronische Kaffeespezialität. Den Cappuccino aus den mit Milchschokolade ummantelten Kaffeebohnen.


Nach dem ersten Feldversuch hat unser Kaffeevollautomat lautstark die Grätsche gemacht. Mit Schoko-Ölfilter klappt‘s jetzt. Eben alles mechatronisch! Aber zurück zum irritierten Mann, der jetzt den Cappu schlürft und von mir notdürftig getröstet wird: „Wer nicht verwirrt ist, ist nur schlecht informiert.“


Aber ihm ist es ernst. Die Mitteilung blinkt auf seinem Tablet: „Technisch betrachtet widmen sich viele Aussteller verstärkt der kollaborativen Kooperation von Mensch und Automation.“ Das schlägt ein. Der Kollege mit großem Hund und noch größerem Latinum ist auch gleich mit der Übersetzung zur Hand: collaborare = zusammenarbeiten und cooperare = zusammenarbeiten. „Das ist eine zusammenarbeitende Zusammenarbeit“.


„Also, eine starke Form der Zusammenarbeit – warum kann man das nicht gleich so sagen“, meint die Kollegin mit dem Zeit-Abonnement und gibt eine der möglichen Erklärungen: „Ach ja, das klingt nicht schlau genug.“


Das ist unserer Essener Korrespondentin zu wenig Produktionsalltag: „Aber ehrlich mal: Das heißt doch eindeutig, dass die in einer Fertigung (technische Sicht) bisher „verfeindeten“ Gruppen (Mensch und Automation) nun in den jeweils existierenden unterschiedlichen Teilbereichen (Sektionen) eines Ereignisses (Fertigungsprozess) verstärkt miteinander kooperieren (zusammenarbeiten) werden. Alles schweigt. Nur unser Chefredakteur schlürft etwas zu laut an seinem mechatronischen Cappuccino. Das nächste mal bekommt er ihn ohne Strohhalm.


Die Zeit-Leserin setzt neu an: Also für mich sind Kollaboration und Kooperation Begriffe für verschiedene Formen der Zusammenarbeit, die allerdings eher gegensätzlich zu erklären wären. Außerdem sei der Kollaborateur historisch gesehen oft im Bunde mit dem Bösen. In diesem Sinne werden „kollaborierende“ Personen gerne als Kollaborateure bezeichnet.“


Aber es gehe ja um Menschen und Roboter – „und die befinden sich nach dieser Meldung in bestem Einvernehmen“, bemerkt der Kollege mit dem großen Hund und besteht darauf, dass das Gute überwiegt. Das zeigt doch die Kooperation. Der Copilot ist ein guter Kooperateur genauso wie der Zweite Mann am OP-Tisch ja auch ein Ko-Operateur ist?


Jetzt greift unsere Reporterin aus Monheim am Rhein ein. Sie vertritt die sog. Kollaps- Theorie, die besagt, dass das Lesen der kollaborativen Kooperation einen Kollaps beim Leser auslöst. Sie zeigt dabei auf unseren verstörten Chefredakteur. Alternativ kollabiere der Rechner. „Das ist schlimmer als die Automation, die sich gegen die Kooperation mit Menschen sträubt.“


Unsere Berliner Korrespondentin will aufgrund falscher Rücksichtnahme auf die „kollaborative Kooperation von Mensch und Automation“ keinesfalls verzichten und nennt Gründe:

„Erstens: Liebe Deinen Feind. Also liebe Deinen Wettbewerb und seine Maschinen. Und die Torte wird gern und freiwillig mit Dir geteilt. Betonung auf gern und freiwillig! Kaffee frei Haus und Neuaufteilung der Welt.

Zweitens: Industrie 5.0. Nach der cyberphysischen folgt jetzt die cyber-menschliche Kommunikation – gern auch kollaborative Kooperation genannt.

Drittens: Der Wandel der Kolchose. Vom faulenden, absterbenden Kapitalismus führt der Weg in die industrielle Kooperationsgenossenschaft. Alle Menschen sind gleich und ihnen gehören die Maschinen, mir aber die Rendite.“ Die Lektüre von jeweils 6 Bänden Karl Marx und Lenin war doch nicht vergebens.


Wieder hält unser Chef sein Tablet hoch in die Redaktionsrunde: Dort steht die nächste Katastrophen-Meldung. Sie lautet schlicht: „Frequenzumrichter im Maßanzug“. Jetzt stellt er die Gretchenfrage: „Wo sind meine Herztropfen?“


Das Ergebnis der jüngsten Ford-Studie lege ich ihm besser nicht vor: „Einem Drittel aller europäischen Autofahrer gelingt das Einparken nicht immer gleich beim ersten Versuch.“ Wer hätte das gedacht?

 

Herzlichst

Ihr Heinrich 

 

14_4_HEINRICH_SEI.jpg

aus [me] 4.2014

 

spacer
Online Werbung @ [me]
spacer