Software ist Macht – Hardware Verzweiflung

„Ich hasse Software“, mit diesen schweren Worten betritt mein Chef die mechatronische [me]-Redaktion und schleppt einen PC in sein Büro. „Das ist aber Hardware“, wirft eine Kollegin ein. „Richtig, damit ersetze ich Software“, antwortet er.

Wir schauen uns ratlos an und denken alle das eine: „Jetzt dreht er völlig durch. „Wie willst Du denn das anstellen? Hast Du einen Geheimauftrag vom Verband für Heavy Metal?“, fragt die forsche Kollegin. 


Kopfschütteln ist die Antwort. Die Hardware im Arm des Chefs ist der PC seines Sohnes, den er in die Hände unseres Redaktions IT-Spezialisten übergibt. „Bitte krieg das Kennwort auf diesem PC heraus, ich möchte darauf die Kindersicherungssoftware aktivieren.“ „Hä, wieso denn das?“, so die ratlose Reaktion des Kollegen. Die Situation hört sich sich höchst komplex an und ist schlicht verworren.


Mein Chef hatte sich kürzlich eine Software zugelegt, über die er Zeitlimits für PC-, für Programm- und für Internetnutzung festlegen konnte. Alles lief bestens und er hatte die Spielzeiten für Computerspiele fest im Griff. Bis hin zur Remote Control war alles möglich. Das Fernsteuern der Zeiten war sogar von hier aus der Redaktion ein Kinderspiel: Programm aufrufen, Kennwort eingeben und Zeiten bestimmen. „So macht Erziehen Spaß“, schwärmte mein Chef noch vor zwei Wochen. „Der PC sagt, wann Schluss ist, und das erspart uns die sonst üblichen ewigen Diskussionen.“


Alles war gut – einmal abgesehen von emotionalen Ausbrüchen kinderseitig: „Ich hasse diese Software, ich hasse ...“ Die Schulnoten wurden allerdings leider nicht besser, wie es die Werbung für die Software verspricht. Aber das lag sicher nicht an einem Programmierfehler in der Software, sondern steht, wie zu vermuten ist, in engem Zusammenhang mit der harten Realität, nämlich der Pubertät des Sohnes.


Doch die ruhigen Zeiten währten nicht lange und es kam wie es immer kommt, wenn Software auf besondere Bediener trifft. Das Kennwort versagte seinen Dienst. „Passwort/Login nicht korrekt“ erschien auf dem Bildschirm. Darauf forderte der Chef – wie jeder User im typischen Passwort-Nirwana – ein neues Passwort an. Fehlanzeige auch das tat nicht, was solche Worte sollen – passen. 15 weitere Versuche schlossen die bei solchen Usern üblichen Bedienfehler statistisch valide aus. Immer wieder die gleiche Botschaft: Passwort/ Login nicht korrekt.


Der Direktkontakt zum Anbieter der Kindersoftware funktionierte prima, der Service war perfekt, schnell und es gab keine der 16 Standardantworten der Hotline. Die Anleitung der Serviceverantwortlichen versprach den baldigen Wiedergewinn der Steuerungskompetenz über den Sohn-Computer. Und mit voller Kraft voraus hat der Chef die Limits bearbeitet, also die PC-Zeit insgesamt und die Internet-Zeit (sprich Spielzeit) im besonderen bestimmt. „So macht Arbeiten am Limit wirklich Spaß“, so mein Chef wieder im Vollbesitz seiner Planungskompetenz.


Bis auf ein Problem. Um 18 Uhr schaltete sich sein Computer aus. Dass sich die Internetverbindung schon etwas vorher verdünnisiert hatte, war diesmal kein Problem für ihn. „Ich arbeite jetzt inline“, tönte er noch um 17.30 Uhr. Alle anderen hatten noch Internetverbindung. Erst das Knock-out um 18 Uhr gab ihm zu denken.


„Wer hat mir die Arbeitspause verordnet, wer oder was kontrolliert mich?“, mit dieser Frage und einem kleinen Zettel mit dem Kennwort der Kindersicherung stürmt er mein Zimmer und bittet mich, die Kindersicherung per Remote Control aufzurufen. Oben erscheint die Kennung des kontrollierten Computers. Es ist nicht der seines Sohns. Es ist sein eigener. Er hat sich selbst Sperrzeiten auferlegt.


Die Stunde der Erkenntnis ist gekommen. Der junge Digital Native hat auf dubiose Weise das Kennwort geknackt, sich ein neues gegeben, und steuert das Programm, das ihn limitieren soll, über eine seinem Vater unbekannte Email-Adresse aus.

 

Software ist Macht – Hardware Verzweifelung


Die Welt steht Kopf. Und der Machtverlust über die Software hat den verzweifelten Griff zur Hardware ausgelöst, wie unsere Redaktions- Psychotherapeutin nach 3 einstündigen Sitzungen mit meinem Chef herausbekommen hat. Ihr Ratschlag: „Leg‘ Dich mit angelernter Software-Kompetenz nicht mit einem Digital Native an. Im Übrigen sind eigene Sperrzeiten Prophylaxe gegen vorzeitiges Burn-Out.“


Herzlichst
Ihr Heinrich

 

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