Legaler Ausschank (Quelle: R. v. Aufschnaiter)
Goldgräber auf der Wiesn

Sie schießen wie Pilze aus dem Boden - kleine grüne Zelte, so ähnlich wie sie früher über den Baustellern der Post für die Telefonleitungen aufgestellt wurden. „Was soll denn das?“, haben sich viele Wiesnbesucher auf dem Münchner Oktoberfest gewundert. Noch engere Durchgänge und kleine Bau-Zelte aus denen Grab- und Hackgeräusche zu hören waren. Auch Polizei und Ordnungsdienste waren ratlos. Vielleicht ein Bau-Künstler-Happening zur Oide Wiesn? Doch keiner hatte sie über die Bautrupps informiert, die samstags um 6 Uhr in der Früh ihre Arbeit begannen.

Zunächst suchten sie mit Metalldetektoren den Boden vor einigen Bierzelten ab. Anschließend errichteten sie etwa zwanzig kleine Bau-Zelte und sicherten sie mit roten Absperrgittern. „Ausgerechnet am Italienerwochenende“, wunderte sich Luigi Camarone von der Polizia Italiana, die an diesem Wochenende die Münchner Sicherheitskräfte unterstützte. „Es ist schon merkwürdig. Alle Arbeiter sprechen italienisch mit neapolitanischem Akzent.“

Allerdings ist das den Ordnerdiensten und der Polizei erst Stunden später so richtig aufgefallen, genau dann als sich um 11 Uhr hunderte italienische, spanische, brasilianische und auch deutsche Wiesn-Besucher mit leeren Krügen um die kleinen grüne Zelte sammelten. Mittlerweile waren bereits 50 davon aufgebaut – und es wurde darin fleißig Bier gezapft. „Mehrere tausend Maßkrüge waren schneller gefüllt und leergetrunken, wie wir überhaupt kapieren konnten, was hier passiert“, erinnert sich Brigadiere Camarone an die 50 neuen Bierquellen, die praktisch aus dem Boden sprudelten.

Tatsächlich gehörten die Bautrupps dem Cosa-Nostra-Sondereinsatzkommando 'costruzione delle strade' an. Normalerweise kümmert sich diese speziell geschulte Truppe um die Vergabe von Bauaufträgen, aber auf dem Oktoberfest waren sie im Rahmen eines Betriebsausflugs unterwegs. Noch im Mannschaftsbus aus Neapel gab's gute Nachrichten. Über wohl informierte Kreise erfuhren die 25 Sondereinsatz-Mitarbeiter, dass unter der Wiesn - unentdeckt von den durstigen Gästen - wahre Schätze fließen, die es nur zu heben galt: Eisgekühltes Bier in einer 1,50 m tiefen Pipeline um das halbe Wiesn-Gelände. „Die Nachricht hat eine wahre Goldgräberstimmung ausgelöst. Diese Pipeline mussten wir unbedingt finden und heben“, berichtet Leonardo Provenzano, der Chef der Truppe, später im Gespräch mit Brigadiere Camarone und Heinrich, dem Münchner Wiesn-Korrepondenten der [me]. Beim Hornbach haben sich die Goldgräber des Wiesnbiers dann Klappspaten besorgt und beim Lidl kleine grüne Zelte zur ungestörten Schatzsuche. „Wir bekamen natürlich Sonderkonditionen“, sagt Provenzano. Alles war perfekt eingespielt, wie im wahren Geschäftsleben der Leute vom Operazioni Speciali. „Das Graben war ein ganz neues Feeling für uns, da wir doch sonst eher aufs Eingraben und -betonieren spezialisiert sind“, freut sich Provenzano über sein besonderes Wiesn-Erlebnis von dem tausende Wiesn-Besucher profitiert haben. Wo gibt’s denn sonst Freibier aus der Wiesn-Pipeline?

Zum Hintergrund: Wie sich später durch Heinrichs kritisches Hinterfragen herausstellte, hatte der Münchner Automatisierer Siemens gemeinsam mit der Brauerei Paulaner eine „Führung zur Bierpipeline“ des größten Bierproviders der Wiesn organisiert. „Wir haben auf dieser internationalen Pressekonferenz die Bierpipeline zwar nicht gesehen, sie liegt ja in 1,5 Meter Tiefe. Aber jeder konnte sich ja ausrechnen, wo hinter dem Technik-Container mit seinen wunderbaren Panels, Steuereinheiten und eiskalten Bierleitungen und unter dem riesigen Bierreservoir die Pipeline verlegt sein musste“, sagt ein in der Branche einschlägig bekannter Chefredakteur eines mechatronischen Fachmagazins.

Brigadiere Luigi Camarone schiebt jetzt wieder seine Schichten bei der Polizia di Venezia, und er freut sich jetzt schon auf die Wiesn 2015. Ob Siemens die internationalen Journalisten dann nochmal zu Bierpipeline führt, wollte die Siemens-Pressesprecherin nicht verraten. „Aus Neapel hat sich heute schon eine 25-köpfige Gruppe offensichtlich ortsansässiger Journalisten angemeldet“, weiß die Pressesprecherin. „Vielleicht schauen wir uns 2015 doch die Versorgung im Weinzelt an.“

Herzlichst

Ihr Heinrich 

wiesn_heinBild2.jpg

Illegal: Beute aus der Bierpipeline (Quelle: Paulaner)

 

wiesn_heinBild3.jpg

Das Sondereinsatzkommando macht Pause

spacer
Online Werbung @ [me]
spacer