Internet of Dingsbums

Jeden Tag eine Idee, die alte Produkte ersetzt. Unser Ziel: als Startup nach einem Jahr mit mindestens 1 Mrd. $ bewertet sein. Immerhin wären wir dann einer von weltweit 73 Startups, die das geschafft haben. Europa hat Nachholbedarf. „Dort sind es nur 6“, sagt unser Chef. Zur Zeit arbeitet er am Exo-Skelett fürs Hirn. Leider sieht das voll digitalisierte Exo-Skelett bis jetzt aus wie ein Stuhl ums Jahr 1880. 


Das Silicon Valley ist ein rund 80 Kilometer langes Tal südlich von San Francisco. Die Schragenhof-Street ist nicht so lang und nicht so südlich. Sie liegt im globalisierten Münchener Westen und beherbergt ungewöhnlich digitalisierte Leute, wie meinen Chef.

 

Der digitale Wachstumshebel


Erst kürzlich ist er mit einer neuen Erkenntnis von der Pressekonferenz aus dem Himbeerpalast eines ganz, ganz namhaften und großen Automatisierers (Milliardenumsätze, aber kein Startup) in der Schragenhofstreet aufgeschlagen. Der Satz der Erkenntnis der Konferenz schlägt wie Donnerhall mit Blitzgewitter gegen die Wand unseres Think Tanks: „Die Digitalisierung hat sich zum entscheidenden Wachstumshebel in nahezu allen Branchen der Industrie entwickelt.“


Die kopernikanische Wende nimmt ihren Lauf: „Endlich ein Satz, der etwas Konkretes aussagt“, meint unsere Gleichstellungsbeauftragte und weist auf die Weiblichkeit der Digitalisierung hin. „Wir wollen hier nicht die Fehler vom Silicon Valley wiederholen. Da wächst nix, denn das Valley ist reine Männerwelt und nicht nachhaltig digital.


Aber was ist Nachhaltigkeit? Auch diese Frage kam rein zufällig auf die Agenda der Redaktionskonferenz. Den Ausschlag gab ein holzwurmbefallener Stuhl aus der Gründerzeit 1880/90. Er wurde zum Fanal im Vabanque-Spiel ums Internet der Dinge (besser: Stühle oder Dingsbums).


„Wer braucht antike Stühle?“, fragt der Chefredakteur in die Runde. Betretenes Schweigen. In der Nacht vorher hatte er einen nachhaltigen Kauf getätigt. 26 antike Stühle aus der Gründerzeit 1880/1890. Aus Versehen! „Ich wollte sie mir nur genau ansehen.“ Erst kaufen, dann schauen. Er dachte wohl an mehr Nachhaltigkeit in der Recherche vor dem Kauf. Das Drücken des Buttons „Jetzt kaufen“ war geradezu logisch. Nun kann er die Dinger genauer unter die Lupe nehmen. Allerdings hat sein häusliches oberstes Design-Kommitee strengstes Veto eingelegt. „Wir brauchen weiße Stühle – aber höchstens vier geschmackvolle und keine Armada wurmstichiger Uroma-Wackelstühle“, meint das jüngste Mitglied des Gremiums und erklärt: „Wo bleiben bei diesem Stuhl die Wesensmerkmale des Design Thinking?“ Schließlich soll nach dieser Methode nur das entwickelt werden, was gebraucht wird. „Solche Stühle braucht keiner.“ Wir sollten uns Designerstühle zulegen. Diese Vorlage nutzt unser Chef: „Du hast nichts verstanden, Design Thinking hat nichts mit Ästhetik und schönen Stühlen zu tun. Es ist eine Denkweise der Entwickler, die ich im Silicon Valley kennengelernt habe.“ Nachdem er es sich – gewohnt oberlehrerhaft – zu Hause mit allen verdorben hat, muss er dringend zur Redaktion.

 

Internet of Dingsbums


Dort installiert er sofort die heute berühmte [me] Internet of Dingsbums (IoD)-Runde. Ziel ist, den Wachstumshebel der Digitalisierung von Dingsbums nun endlich fachgerecht an der Industrie anzusetzen. Und er denkt weiter, nämlich an die postindustrielle Ära, wenn nur noch 40 Prozent der größten Industrieunternehmen mit digitalisieren: Industrie 40.0 .


„Dingsbums“ aus dem IoD sind in seiner Design-Thinking-Terminologie nichts anderes als die restlichen 25 Holzwurmstühle. „Wir setzen uns ruhig hin und denken konsequent digital. Der Stuhl wird dabei zum Exo-Skelett unseres Gehirns.“ Nirgends wird Nachhaltigkeit stärker sichtbar als beim Stühlekauf, verdeutlicht er uns später. Der Wachstumshebel der Digitalisierung setzt hier ganz fest an. Der Beweis: Der digital inspirierte Kauf eines blauen, zum Angeln geeigneten Klappstuhls führt im Internet of Dingsbums zu einer mindestens einjährigen Offensive der Stühle: Jeden Tag liegen als selbstorganisierte Produktionseinheiten neue Stuhlangebote auf dem Tablet. Campingstühle jeder Couleur vernetzen sich mit purpurnen 3D-Kino-Polstersesseln. Jeden Tag steigt ein neuer Stuhl aus der Plattform – wie Phoenix aus der Asche – und vernetzt sich mit allem, was das Portal hervorbringt. Die voreheliche Verbindung zwischen industrieller Produktion und Informationstechnologie ist mega-fruchtbar. Alles bestuhlt sich.

 

Digitale Würmer


Der Stuhl aus der Gründerzeit entpuppt sich allerdings als Wiedergeburt eines Sitzmöbels aus der prädigitalen Welt. „4.0 enthält keine Holzwürmer.“ Die Irritation wächst. Doch Design Thinking lässt sich nicht von der Mission der digitalen Revolution abbringen. Unser Service des Digital- Brain-to- Rent macht uns zu Milliardären.


Herzlichst
Ihr Heinrich

 

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