James Heinrich Bond, bitte melden!

Kürzlich wurde ich Zeuge eines höchst peinlichen Telefonats. Mein Chef rief die Presseverantwortliche eines namhaften Unternehmens an, um wohl hämisch zu fragen, warum er denn zum 9. April auf die Pressekonferenz auf der Hannover Messe eingeladen worden sei? „Die Hannover Messe 2015 beginnt doch erst am 13. April!“


„Ankomme Freitag, den 13., um 14 Uhr, Christine!“, hat Reinhard Mey das Phänomen der terminlich inkonsistenten Zeitverschiebung besungen. Im Falle meines Chefs ging es nicht um einen Tag, sondern um ganze zwei Jahre. Besagter 9. April war ein Dienstag und lag im Jahr 2013. Die Einladung war perfekt, aber sie hatte im Postfach Staub angesetzt. „Dann komme ich halt zwei Jahre später bei Ihnen am Messestand vorbei!“ Ich schätze mal, die andere Seite hat gesagt, „Ist schon recht so“, und sich ihren Teil gedacht.


Beim anschließenden Entstauben seines Postfachs macht er dann einen noch aktuelleren Fund. Die Einladung zu einer Pressereise nach Baku in Aserbaidschan, um vor Ort zu sehen, wie mustergültig die Europäischen Spiele 2015 dort vorbereitet werden. Der Wortlaut der Einladung lässt Großes erahnen: „Baku 2015 adoptierte eine neue technische Architektur, die zum ersten Mal ausschließlich Cloud-basierte Dienste für eine große Veranstaltung für mehrere Sportarten einsetzen wird ...“


„Cloud-basierter Sport, das ist doch das Ressort von Heinrich“, mit diesen Worten klickt er auf Weiterleiten an heinrich@agt-verlag. de, und ich bin der Mann, der für die [me] nach Baku soll.


Baku liegt am Kaspischen Meer, interessante Location! Und der Präsident erst! Der weiß, was er will: Im Dezember 2012 ernannte das „Organized Crime and Corruption Reporting Project“ (OCCRP) Ilham Əliyev zum „korruptesten Mann des Jahres“. Bis dato war das der erste „Korruptions-Award“. Ein echter Pionier, also. Klar, als Chef des Landes steht ihm das zu. Große Anteile an Banken, Telefongesellschaften, Mineral- sowie an der Bauindustrie sind doch nicht schlecht. Dass der Mann gut zu seinen Kindern ist, spricht für ihn. Innerhalb von zwei Wochen hat er 2009 seinen damals 11-jährigen Sohn zum Besitzer von neun Strandhäusern in Dubai gemacht (Gesamtwert: 44 Millionen Dollar). Seine Töchter besitzen seit 2008 drei Firmen auf den Britischen Jungferninseln.


Diplomatische US-Depeschen (NSA) vergleichen Ilham Əliyev mit einem „Mafia Gangsterboss“ – wie geschmacklos diese Leute doch sind. Sicher gehören ihm die Telefongesellschaften, die dafür sorgen, dass 600 km Lichtwellenleiter zu den wichtigsten Spielorten verlegt werden. Aber nach den Spielen kann schließlich jeder Aserbaidschaner frei surfen. Nur die Freiheit zählt.


Ich soll nun über die Vorbereitung der 1st European Games in Baku berichten – so eine Art Spiele wie bei „Die Tribute von Panem“, nur olympischer. Dazu haben der Präsident und seine Berater ein „Technology-Team“ gebildet – im O-Ton: „Das Team reduzierte die Komplexität der Dienstangebote und konzentrierte sich auf eine kleinere Gruppe von Technologie-Anbietern, um das gesamte Spektrum der erforderlichen kritischen Festnetzdienste anzubieten.“ Da wird die Spreu vom Weizen getrennt, interpretiert mein Chef. Dass die weiblichen Mitglieder des Technology-Teams alle wie James- Bond-Girls aussehen und die männlichen wie die entsprechenden Bösewichte, macht mich etwas misstrauisch.


„Das Technology-Team arbeitet eng mit dem Cyber-Sicherheitsteam der Regierung Aserbaidschan zusammen und weist im Falle einer Ausfallzeit eine Reaktionszeit von 5 Minuten auf und behebt das Problem in einer Stunde“, beschreibt die Einladung. Oh je, das klingt nach Live and Let Die oder doch nach Skyfall. Und dann die schnelle Reaktionszeit des geheimnisvollen Technology- Teams? Die sind darin besser geschult als ich. Wie soll ich auf den fahrenden Zug springen und dabei noch einen anderen Superagenten jagen? Wenn mich dann die eigene Kollegin abknallt, wäre das ein schlechter Abgang.


Sollte das alles gut gehen, bleibt noch das Cyber-Sicherheitsteam der Regierung. Was hat James Heinrich Bond von denen zu erwarten? Erwache ich am Ende des Tages als livrierter Liftboy auf den Jungferninseln in einem Etablissement der Töchter des Präsidenten? Was dann? Viele Fragen.


Jetzt fällt mein Blick auf das Datum der Einladung in der weitergeleiteten E-Mail meines Chefs. Handelt es sich dabei doch um den Eurovision Song Contest in Baku? Gut, der war 2012. Also keine James-Heinrich-Bond-Spiele. Jetzt warte ich auf die Einladung zur WM in Katar.


Herzlichst
Ihr Heinrich

 

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