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Streichholz all‘arrabbiata oder Nudel 4.0?

Pasta gibt es ja in jeder erdenklichen Form: Schrauben, Speichen, Rohre oder Schmetterlinge – das sind bis heute die bekanntesten. Doch das könnte sich ändern. Die Nudel wird digitalisiert und personalisiert


Kürzlich kommt mein Chef mit einem Schuhkarton voller großer, etwa 10 Zentimeter langer Streichhölzer zur Redaktionskonferenz. „Brauchst Du die alle zum Grillanzünden heute Nachmittag?“, frage ich. „Quatsch, die sind zum Essen.“ „Ich esse keine Zündhölzer, ich habe eine Holz- und Schwefelunverträglichkeit“, sagt meine ernährungsbewusste Kollegin wie aus der Pistole geschossen. Sie zählt zur wachsenden Gemeinde der notorischen Besseresser und tritt höchst streitbar für gesundheits- und umweltbewussten Konsum ein. In den Stunden vor einem geplanten Grillnachmittag liegt erfahrungsgemäß Spannung in der Luft. Der Funke, der von den Zündhölzern ausgeht, könnte also höchst explosiv werden. „Von ihren Therapeuten werden Leute wie Du wegen Orthorexia Nervosa behandelt, einer Form des krankhaften Gesund- Essens,“ analysiert unsere leitende Redaktionspsychologin, wie immer haarscharf am Tatbestand der Beleidigung vorbei.


„Friedlich bleiben, meine Damen“, mahnt unser Chef etwas krampfhaft bemüht, der sich anbahnenden Grundsatzdiskussion aus dem Weg zu gehen. Auch unser Redaktionsjurist bewährt sich als Schlichter: „Vegane Holzkost ist besser als ihr Ruf, und eine hitzige Debatte ist doch die kleine Schwester der Pressefreiheit. Also, lasst Argumente hören.“


„Meine Herrschaften, das ist kein Holz und kein Schwefel, auch wenn es eine andere Art an Zündstoff enthält.“ Das sind tatsächlich richtige Nudeln aus Wasser und Grieß in Zündholzform, selbstredend vegan und im Unterteil auch glutenfrei. Der rote Kopf enthält die scharfe Soße für Streichholz all‘arrabbiata. Wer rechnet denn mit so was? Mit dem zum Test geliehenen 3D-Drucker hat der Chef die Nudeln in beste Streichholz-Form gebracht, alle Achtung. „Das war ein langer Marsch zur Nudel. Vor drei Jahren bei meinen ersten Versuchen habe ich noch 60 Minuten für eine Nudel gebraucht. Jetzt dauert ein ganzer Teller Pasta etwa so lange. Der Druck unseres Mittagessens hat mich sechs Stunden gekostet“, rechnet er in Arbeitszeit. Das macht soviel wie ein Interview mit redaktionellem Feinschliff – letzterer ist auch so etwas wie die Soße zur Pasta: mal etwas schärfer, fleischhaltiger, tomatiger oder ziemlich kräuter- und knoblauchlastig als Pesto. Auf alle Fälle, höchst personalisiert.


Genauso lassen sich die Pasta-Formen auch individualisieren. Mal etwas moderner, so wie es der Steuerungsexperte liebt: die schlanke Human-Machine-Interface-Nudel, die mit einem 2-Finger- Touch vom Teller zum Mund geschnippt wird. Oder aber die etwas herzhaftere, wie sie der designorientierte Maschinenbauer meist schätzt: Runde gefällige Formen, also eine sehr figurbetonte Nudel, die viel Sugo aufsaugt und perfekt in die Welt der Mechatronik und des Engineerings passt.


Zurück in die reale Welt: Die personalisierte Wunschnudel erobert gerade Italien, das Land, das uns in Sachen Maschinenbau nie den Schneid abkaufen konnte. Jetzt versuchen es die Italiener über die digitalisierte Pasta 4.0. „Wer hätte gedacht, dass die Nudel einmal zur Herausforderung für den deutschen Maschinenbau wird!“, sagt mein Chef.


Und überhaupt, die deutsche Industrie 4.0-Bewegung ist irritiert. Der VDMA sowie Wirtschaftsminister Gabriel sind ratlos, was da an Nudel-Power aus dem Apennin auf sie zurollt. „Im schlimmsten Fall eine digitalisierte Dampfnudel“, vermutet ein Regierungsvertreter.


Die [me] will es genauer wissen und den Nudelteig mitmischen. Ich reise deshalb in geheimer Mission nach Mailand zum Nudelessen aus dem 3D-Drucker. Dort präsentiert Barilla im Future Food District der Expo als Zelle für Nudel 4.0 einen Pasta-3D-Drucker. Wenn die chinesische Nudel 1.0 ist, folgt dann die Gnocco als die Urform der italienischen Nudel, und danach gleich die Nudel aus der Bronzeschablone. „Jetzt entspringt der digitalisierten Wirtschaft die Pasta 4.0 aus dem 3D-Drucker. Völlig enthemmt und ohne feste Form“, doziert unser redaktioneller 4.0-Experte: „Form follows function, das ist die alte Welt. Heute prägt die Form den Geschmack“, ergänzt er und schiebt sich ein rotköpfiges Arrabbiata-Streichholz in den Mund. Die rote Soße tropft über seine Lippen. Das sieht nicht gut aus. Ich freue mich auf formvollendete Nudeln in Mailand. Anschließend geht’s nach Palermo zum Capo di Capi. Mal sehen, wo die Bombe in der Pastaszene tickt.

 


Herzlichst
Ihr Heinrich

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