Die Bierkrise

Was für ein Sommer war das denn? „Endlich Sonne, endlich heiß“, haben wir im Juni gesagt. „Nein, diese Hitze, ich halt‘s nicht mehr aus“, hieß es ein paar Wochen später. Ein Königreich für einen Ventilator! Doch die waren schnell ausverkauft oder thermodynamisch überfordert! Auch kaltes Bier ist rar. Kein kühles Augustiner-Bier in der Tanke. Unsere freitägliche After-Work-Party verlief praktisch bierfrei. Aber dafür war sie dennoch nicht ganz ohne. 


„Bitte kein Bit“, hat mein Chefredakteur zum freundlichen Tankwart gesagt und 10 alkoholfreie Schneider-Weißbiere geordert: „Mir san mir. In einer nachhaltigen bayerischen Redaktion gibts nur regionales Bier“, rechtfertigt mein Chef den rassistischen Panikkauf.


Es war keine gute Entscheidung, denn unser Redaktionskühlschrank ist dem Streikaufruf des thermisch überlasteten Ventilators gefolgt und einfach mal ausgefallen. „Alkfrei geht nur kurz über dem Gefrierpunkt und vielleicht noch vor 11 Uhr, vor dem eigentlichen Weißwurstfrühstück“, meint mein eingefleischter Augustiner-Redaktionskollege und presst sich einen Karottentrunk aus heimischen gelben Öko-Rüben. Die hat er in der Früh heimlich den Kaninchen seiner Kinder geraubt.


Es folgt ein Trauerspiel bei 36 Grad mit lauwarmem alkoholfreiem Weißbier. Am Alkfrei-Biertisch vor unseren Redaktionsräumen bahnt sich das erste Wettergespräch des Nachmittags an. So habe ich mir die Party nicht vorgestellt, ich kann nicht schnell genug stören. „Das Wetter kann es niemand recht machen“, meint die Wetter-Korrespondentin. Keiner möchte solche Beschwichtiger-Sätze hören: „Jetzt haben wir es mal lecker warm und jeder beschwert sich“, meint die Botschafterin des guten Wetters. Ich stelle mir vor, ich müsste das einzige kalte Tegernseer mit ihr teilen und entdecke sehr unsoziale Züge an mir.


Das schlichtweg ungenießbare Bier und der Karottentrunk stehen vor uns als bei gefühlten 40 Grad eine Einbruchsmeldung wie der Blitz in die triste After-Work-Party einschlägt. Es geht ums Bier.


Einbrecher in Mühlheim an der Ruhr haben in einem Getränkemarkt hunderte Kronkorken erbeutet. Sie öffneten dazu etwa 1000 Flaschen Bier, weil sich in den Korken Lose für ein Gewinnspiel für einen fetten Ghettoblaster befanden. Das Bier haben sie nicht angerührt. „Ob das so schlecht war?“, vermutet ein Kollege. Schließlich war es kein bayerisches Bier. „Aber dort oben, weit außerhalb von Bayern kann auch ein anderes Bier regional sein“, mischt sich ein altkluger Kollege ein: „Wir sind anderswo ja auch Ausländer.“


Auf jeden Fall war es harte Arbeit unter hohem Zeitdruck, sagt mein Chef. Er hat es kürzlich nach 20 Jahren vergeblicher Versuche erstmals geschafft, eine Bierflasche mit dem Feuerzeug zu öffnen. Das trägt er jetzt wie eine Trophäe um den Hals und öffnet damit jede Bierflasche in seiner Reichweite. Einige Sekunden hege ich einen schrecklichen Verdacht. Nein, er war gestern Abend noch hier in der Redaktion und mit einer guten Musikanlage ist er als regelmäßiger Besucher der „High End“, einer Münchner Fachmesse für Heavily Recommended Schnickschnack- Devices, bereits versorgt. Das heiß begehrte Stereoding war nämlich des Pudels Kern, zumindest gab es dafür Lose in den Kronkorken.


Jetzt diskutiert die Runde lebhaft, ob die Kronkorken-Gang nur den Hauch einer Chance hat zu gewinnen – und ob die Mühlheimer Polizei jeden Gewinner erkennungsdienstlich erfasst. Immerhin waren sie so klug, keine Flasche an den Hals zu nehmen. „Bier stehen lassen, ist zwar reinster Bierfrevel, aber an den Flaschen findet die Polizei keine DNA-Spuren“, meint unser Bierfreund und Hobby-Sherlock. Immerhin hat der Mühlheimer Coup Leben in die Bude gebracht. Die Solidarität mit den proaktiven Kronkorken- Sammlern ist groß. Schon laufen Wetten, ob nur Nieten geerntet wurden. „Wo nur Nieten sind, gibt es selbst für das gut organisierte Verbrechen nix zu holen.“ Unser mechatronischer Chef will helfen, dass solche Gewinnspiele im Getränkemarkt künftig einfacher werden. Er entwickelt einen Simultan-Flaschenöffner für unterschiedliche Bierkästen. „Automatisierung hilft Bedürftigen“, ist sein Motto. Ohne dieses mechatronisch gesteuerte Multi-Universal-Bier-Tool würde er mit der Feuerzeugmethode 12 Stunden brauchen. Der Markt ist groß für dieses Bier-Engineering- Tool. Wenn 20 Leute schnell ein Bier zum Anstoßen brauchen oder einfach nur die Lose in den Deckeln. Ich finde es verdächtig, dass er das Tool noch am gleichen Abend präsentieren konnte. Leider ohne kaltes Bier.

 

 


Herzlichst
Ihr Heinrich

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