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Skandal um Seppi

„Word reagiert mal wieder nicht“, schreit mein Chef und haut auf die Tasten. Dann wird es plötzlich ganz still. „Ok, jetzt habe ich die Tastatur angeschlossen.“ Friede kehrt wieder ein in unsere bayrische Kreativredaktion.

Das Internet funktioniert ausnahmsweise an allen Arbeitsplätzen, und die Brotzeit ist auch schon angerichtet. 

Es sind oft die kleinen Dinge, die die Welt wieder zurechtrücken und sie eine Minute später zerbröseln. Gestern auf der Redaktionskonferenz berichtete mein Chef von einer Offenbarung, die ihn auf der Fahrt durchs bayerische Oberland überkam. Schuld war ein Schild in einem kleinen harmlos wirkenden Dörfchen: „Mechanik für die Elektrik“ stand da zum Lesen an dem mit Lüftl-Malerei verzierten Haus eines Handwerksmeisters.


„Vielleicht hat sich genau hier in der kleinen Mechanikerwerkstatt die Urzelle der Mechatronik gebildet?“, vermutet mein Chef. Doch der Friede täuscht. Schnell wird daraus eine hochexplosive Mischung wie aus der Verbindung zwischen Nitro und Glycerin. Denn im Nachbardorf, direkt zwischen dem neuen Lederhosen- Outlet und dem Traditionsgasthaus Neuwirt, reift bei einem Kumpel des besagten Handwerksmeisters eine Software, die Abgastester weltweit jahrelang an der Nase herum geführt hat. Das Schild „Laptop und Lederhosen“ prangt über der Werkstatt.


Diese beiden Schilder nähren einen schrecklichen Verdacht, der meinen Chef seitdem nicht mehr loslässt. Haben diese als bayrisch- biedere Handwerksmeister getarnten Mechatronik-Freaks den Wolfsburger VW-Konzern mit ihrer Software vorgeführt? Das Ganze wirkt wie eine konzertierte Aktion, da zeitgleich mit den Enthüllungen der FC-Bayern den VFL-Wolfsburg auf gemeinste Weise (5:1) vorgeführt hat.


Einer kann aufatmen: der 61-jährige Hausmeister Hans Böbner. Er soll laut der Internet Postille „Der Postillon“ seinen Zugang zur Firmenzentrale in Wolfsburg genutzt haben, um eigenhändig Manipulationen an der Software mehrerer Millionen Fahrzeuge vorzunehmen. Er war es nicht, der die Diagnosesoftware ohne das Wissen des VW-Vorstands auf die Chip-basierten Interfaces der sogenannten Volkswagen gespielt hat. „Es war alles ganz anders. Die Software kommt aus Bayern und aufgespielt hat sie Uli Hoeneß, der die Nürnberger Bratwürste für die Chef-Kantine liefert“, verkündet mein Chef in einer eigens in unseren Verlagsräumen einberufenen internationalen Pressekonferenz. „Bayrische Handwerker stehen hinter dem Komplott, das honorigen Managern wie Winterkorn die Festanstellung kostet und den Versorgungsfall der Abfindungszahlung auslöst.“


Nach der Fahrt über die kleinen Dörfer mit über 90 % CSU-Wählern bricht das mechatronische Jagdfieber unseres Chefredakteurs aus. „Wer solche Softwaretricks aus der Kiste zieht, entscheidet jede Wahl für sich.“ Doch hier geht es nicht um bayerische Wahlen, es steht mehr auf dem Spiel: der Markenkern von Made in Germany, das Auto!


Der erste Anfall von Jagdfieber löst eine Suchanfrage bei Google aus: „Software fürs Auto“ zeigt 1 700 000 Ergebnisse. Darunter sind auffallend viele oberbayrische Handwerksmeister. An erster Stelle steht „Kfz Diagnosesoftware günstig online kaufen bei eBay“. Allerdings ist als Adresse Köln hinterlegt. „Scheinbar hat dieser bayrische Handwerker mit dem Tarnnamen ‚Seppi ‘ eine Tarnadresse angegeben“, vermutet mein Chef. Das ist clever, denn es erspart VW-Einkäufern die lange Fahrt nach Oberbayern. Köln liegt vor der Tür.


Der Preis von 19.99 Euro ist sensationell. Also selbst für Wolfsburger Sparfüchse war er vor dem Manipulationsskandal noch zahlbar. Seppi konnte ihnen eine Lizenz verkaufen. Und jetzt kommt der eigentliche Skandal um Seppi: „Sie haben diese eine Lizenz als Diagnosesoftware für 11 Millionen Autos genutzt“, beklagt er sich. „Mir sind 220 Millionen Euro verlorengegangen.“ Wir haben ihn in der kleinen Mechatronikwerkstatt in seinem idyllischen Heimatdorf besucht. Seine Geschichte ist tragisch: Er kennt zwar den neuen Generalbundesanwalt Peter Frank, einen Karriere-Bayern mit Joberfahrung im Bayrischen Justizministerium: „Aber selbst mein Stammtischkumpel Peter vom Neuwirt nebenan kann mir nicht helfen.“


Am Ende des Tages entpuppt sich das Ganze doch nur als harmloser Lizenzbetrug der Autobauer. Volkswirtschaftlich richtet das fast genauso wenig Schaden an, wie die Doktorarbeit, die unsere Verteidigungsministerin kopiert haben soll. Und Ursula kommt, wie ein Volkswagen, ursprünglich aus Niedersachsen – das spricht für Qualität. Dass ausgerechnet die Amis den Skandal losgetreten haben, findet hier keiner gut. „Offensichtlich aus Neid auf unsere guten Autos“, meint ein weit gereister Kollege, der sich schon mehrfach genötigt sah, einen US-Wagen zu leihen. „Es gab keinen Passat mehr.“

 

 


Herzlichst
Ihr Heinrich

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