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„Lasst die Servier-Umrichter tanzen“

Wir sind bekanntlich ein ziemlich innovativer Haufen in der [me]-Redaktion. Unser Standort in München gilt längst als das Silicon-Valley in Oberbayern. Unser Chef hat einige Patente eingereicht, wie den Kühlschrank mit 16 Egg-Seats oder den Espresso mit der Crema im Leopardenlook. Aber er hat noch größere Pläne. 


Sein neuester Patentvorschlag geht in Richtung Party machen nach dem Muster der Mutter aller Partys – der Tupperparty, der einzigen Party mit klarem Frauenüberschuss. Gut, es geht meist um Kunststoff-Gefäße wie z. B. Schulbrotdosen, die 12 Schuljahre problemlos überstehen. Sie werden an etwa 300 Tagen im Jahr zweimal geöffnet. Das ergibt 300 x 2 x 12, also 7200 Bewegungen. „Das ist lächerlich, denn soviel Lastwechsel leistet ein Motor in einer Minute.“ Das war die Geburtsstunde meiner Idee der Tupperparty für Umrichter, Servomotoren, Industrie- PCs, Sensoren, Linearführungen oder gar für Engineering-Tools. Servo-Umrichter machen den Anfang im Partyreigen.


Eigentlich ist die Idee der Technik-Partys nicht ganz so neu: für Staubsauger – „es saugt und bläst der Heinzelmann ...“ – gibt es sie ebenso wie für den Allzweck-Zerkleinerer Thermomix oder neuerdings für ein mysteriöses Schraub-Tacker-Klebe-Säge-Universaltool, das mit Webtechnologie arbeitet. Es piepst, sobald es schief aufgestellt wird. Die Produkte sind alle sündteuer, haben kryptische Funktionalitäten, und das Zielpublikum ist überwiegend weiblich. Das ist sicher kein Zufall, denn Frauen sind qualitätsbewusster als Männer. Was spricht auch gegen ein 700-Euro- Universaltool, das zusammengepackt wie ein Beauty-Case aussieht?


Aber jetzt ist Schluss mit semi-professioneller Unisex-Romantik, hier geht es um Männerspielzeug, das Frauen bisher kaum in ihr Beuteschema aufgenommen haben: die Servo-Umrichter. Sie bringen die Motoren auf heiße Touren und die richtige Drehzahl. Sie heizen ein ohne Energieverlust und sind die Moderatoren der Motoren. Eigentlich sind sie so etwas wie die DJs des Maschinenbaus, und das ist die Chance.


Vor allem, da in Nürnberg die Trends der Zeit früher als sonstwo erkannt werden. „Der neue Hype werden dort wilde Servo- Umrichter-Partys werden“, sagt unser Chef auf der Redaktionskonferenz vor der großen Automatisierungsmesse. „Sie revolutionieren den Messealltag. Mit Industrie 4.0 sind die Zeiten endgültig vorbei, in denen sich immer wieder rituelle Produktpräsentationen ereignen.“ Er meint die meist moderatorisch völlig ungebremsten Vorstellungen von Weltneuheiten und anderen trivialen Dingen auf sog. Foren, also Arenen ohne Löwen. Aber das schlimmste ist das Publikum: Messe-Vagabunden ohne festen Standort, die im Jargon der Messe gerne pauschal als Besucher mit hohem Ausländeranteil bezeichnet werden. Über den Frauenanteil wagt keiner zu reden, der tendiert gegen Null. Fatalerweise tritt die Disparität der Geschlechter im Verbund mit kollektiven Gähn-Aktionen auf. Ob das eine Folge der Ungleichverteilung, der schlichten Erschöpfung – „Oh, der Messestress“ – oder des fehlenden Sauerstoff ist, bleibt vorerst ungeklärt. Doch der Tatbestand der Produktvorstellung ist erfüllt, wenn ein Großteil der geneigten Zuhörerschaft phasenweise in den Schlaf abgleitet. Foren sind die Oasen des gesunden Sekundenschlafs. Vorschläge sie mit Palmen und Meeresstrand-Tapeten auszustatten, helfen nur bedingt. Nur Servo- Umrichter-Partys können diese Öde beleben. Sie starten zu Messebeginn und steigern das öffentliche Interesse an technischen Produkten exponentiell: Wenn die Servo-Umrichter umgehen und ihr Algorithmus den Feiertakt vorgeben, bleibt kein Glas leer, kein Auge trocken und keine Flasche voll. Der Algorithmus des Servos gibt den Feier-Takt vor. „Soll Technik tatsächlich begeistern, müssen die Servo- Umrichter die Foren erobern“, ist unser Chef überzeugt. „Dann steigt auch der Frauenanteil in den Ingenieurstudiengängen.“ Schließlich ist alles auf Party gebürstet. Die üblichen Partys am Abend haben noch eine Besonderheit. Nach neuesten Erhebungen setzen sie sich zu mindestens 25 Prozent aus Mitgliedern der Fachredaktionen zusammen. Das obwohl diese Klientel nur 0,1 Prozent aller auf einer Messe anwesenden Personen ausmacht. Die morgens beginnende Party dagegen bindet alle Messebesucher, die sich im Auftrag ihrer Unternehmen „nach geeigneten Lösungen für ihre Anwendungen umsehen“ (Messejargon). Sollen sie doch auch Spaß dabei haben.

 


Herzlich
Ihr Heinrich

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