Rettet die grüne Krawatte

Nichts bindet mehr als eine Kravatte. Es sei denn, sie hängt am Nagel statt schmuck um den Hals des Mannes. Immer mehr Männer wollen keine Schlinge um den Hals. Ist die Krawatte out? Mein Chef ist unglücklich. Gerade hat er 50 neue Markenkrawatten erstanden. Ein Schnäppchen. Er will sie vor der Fashion-Police retten. Schließlich will er ja kein modisches Auslaufmodell tragen.


Er hat mich beauftragt, die Zukunft der Krawatte zu erforschen. Zur Belohnung gibt es einen erbsengrünen Schlips mit gelben Punkten. Oh je! Im ersten Schritt habe ich einschlägige Firmen angeschrieben, wie sie es mit den Krawatten halten. Die Reaktion war sehr verhalten. Keiner wollte sich darüber auslassen, ob er muss, will oder gar nicht kann, weil er keine besitzt oder sie nicht bedienen kann. Das ist übrigens auch so ein Phänomen. Kein Knoten ist verbindlich: der dicke Windsor nicht, der dünne Yuppi erst recht nicht!


Mode liebt Kapriolen. Mal werden die gemusterten Stoffstreifen schmal, breit oder besonders dünn in Leder – ok, die werden in Domina-Studios eingesetzt. Und überhaupt. Wie soll ein primär technisch orientierter Maschinenbauer wissen, ob das, was er über seinem karierten Hemd zusammengewurschtelt hat, nicht längst Stoff von gestern ist. Die Nerds aus der IT haben es auch nicht leicht mit der Mode. Die hängen ihre abgefahrenen Schlipse vorsichtshalber in den Schaltschrank, weil kein modeaffines Familienmitglied sie damit aus dem Hause gehen ließe. Gut, eine Antwort eines befreundeten Maschinenbauers war ehrlich: Ich kenne mich sogar mit Software aus, weiß, wie ich Algorithmen nutze, aber nicht, wie ich das Stück Stoff um meinen Hals binde. Ich besitze gar keinen Schlips!“ Anders als mein Chef, er hat etwa 100 davon, kann aber keinen so richtig nach Plan binden. Die Knoten sprengen durch konsequente Asymmetrie jedes Regelwerk. Vor Jahren noch ist er deshalb 20 Minuten früher zur Messe gekommen, um jemanden zu finden, der ihm die Krawatte bindet. Jetzt ist er gereift und trägt sie schief.


Aber nicht jeder sieht es so locker. Die meisten Knoten, die ich vor allem auf Messen beobachte, sind perfekt gebunden, aber deshalb irgendwie langweilig. Vielleicht ist die Zukunft deshalb so düster für das kunstvoll gebundene Zeichen vollendeter Kulturtechnik. Industrie 4.0 steht ja für den unkonventionellen Knoten in Losgröße 1, also einen, der so ist wie kein anderer: unkonventionell schief. Rettet mein Chef doch noch die Krawatte, und zwar deshalb, weil er sie nicht binden kann? Würde dieses einzige, wirklich modische Schmuckstück des Mannes einfach verschwinden, würde das eine ästhetische Katastrophe auslösen. Betont lockere offene Hemdkragen könnten haarige Männerbrüste und Goldkettchen entblößen?  Wer will denn das?


Ich habe kürzlich gelesen (FAS), dass selbst beim Traditionskonzern Siemens eine Anti-Krawatten-Kampagne läuft. Schlipsträger müssten sich blöde Sprüche anhören. Das ist doch das Letzte, also aktives Auf-den-Schlips-Treten! Aber meine Recherche hat gezeigt, dass die Krawatte längst nicht out ist bei Siemens. Eine Dame aus dem Vorstand in München kann sehr viel über entspannte Arbeitsatmosphäre mit dem „Du“ für alle erzählen und wegen der neuen Lockerheit den Schlips ächten. Wenn der direkte Chef in Nürnberg, Erlangen, Stuttgart oder Berlin seine Mitarbeiter gerne mit Krawatte sieht, bleibt es dabei.


So schnell gibt kein Schlips auf? Er verlässt nur den Mainstream und rollt das Feld von hinten auf. Das macht ihn zum Symbol für Trendsetter, die ihn täglich simultan engineeren und ihre synthetische 3D-gedruckte Krawatte in Losgröße 1 digital und iterativ neu aufwerten. Kurzum, mein Chef bleibt beim Schlips. Auch wenn er ihn nicht gescheit binden kann, startet er eine große Solidaritätsaktion und sucht Firmenkrawatten mit Wiedererkennungswert. Also, die Leser erkennen ein Unternehmen an der Krawatte und gewinnen Preise. Gewinner dürfen zwei Wochen ohne Schlips in ihrer Firma antreten.


Er möchte einen Managementkurs anbieten, „Wie engineere ich meine eigene Krawatte mit 3D-Kartoffeldruck?“ Auch Frauenpower gehört zur weltweiten Kampagne. Frauen sollen Schlipse und perfekte Knoten am Hals loben und Punkte für die schönsten vergeben. Kürzlich hat er sogar Krawattennadeln – übrigens auch ein bedrohtes Kulturgut – am Münchner Hauptbahnhof verteilt. Leider wusste die Münchner Polizei nicht, was das ist und hat ihn wegen unerlaubtem Waffenbesitz und Weitergabe von Stichwaffen drei Stunden eingebuchtet.


Die grüne gelbgepunktete Krawatte hat er mir im Rahmen einer Feierrunde überreicht, aber ich trage Fliege. Diese funktioniert wie ein kleines Windrad am Hals. Sie dreht sich und erzeugt Energie für die Pokemon-Jagd. Bei Windstille wähle ich meine grüne Krawatte. Die gelben Punkte sind in Wirklichkeit Solarzellen, die mein Handy fit für die Jagd machen.


Herzlich
Ihr Heinrich

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