Weißwurst 4.0

Ganz aufgeregt und 16 Minuten zu spät kommt unser Chef zur Redaktionskonferenz. „Ich habe einen Fehler gemacht“, jammert er und hält seine [me] hoch. Da ist von „Desing 4.0“ die Rede. Fragende Gesichter, ungläubige Augen. „Was ist denn das?“, fragt unsere Redaktions-Therapeutin, „ich dachte, du verdienst so wenig, dass du dir keine Fehler leisten kannst.“


„Der Fehler ist ein Worst-Case-Fehler!“, erwidert der Chef und hält sein Editorial mit dem Desing am langen Arm möglichst weit von sich. „Eine GAV – größte anzunehmende Verfehlung“ übersetzt die altkluge Kollegin. „Ja, er springt wie ein Stein direkt ins Auge. Was wohl die Desinger denken, wenn sie dein richtungweisendes Editorial über Design 4.0 lesen“, kichert sie.


Doch was soll das Hin-und-Her-Gerede. Das hilft nichts. Gedruckt ist gedruckt, und Fehler sind peinlich. Allerdings ist peinlich-sein voll normal, wie jeder Vater pubertierender Kinder sehr genau weiß. Der Chef müsste das wissen. Ich bin hier voll solidarisch mit seinen Kids, denn selbst Nicht-Pubertierende finden ihn manchmal so.


Aber wer macht denn eigentlich Fehler? Unsere Politiker zum Beispiel. „Sie sind keine Dilettanten, sie machen ihre Fehler schon gründlich“, heißt es in einem Aphorismus von Erhard Blanck. Situationen, in denen sich jeder Normalbürger am liebsten mit einem Fingerschnipp auf einen anderen Planeten beamen möchte, machen denen kaum etwas aus.


Was sind eigentlich Fehler? Mentale synaptische Koordinations-Fehlverläufe? Die passieren, wenn Informationen ins Leere laufen und das Hirn meldet: „Kein Anschluss unter dieser neuronalen Nummer.“


„Dieses Fehlermuster passt auch auf technische Fehlfunktionen“, erklärt unser Chefredakteur und zeigt auf seine prollige, aber smarte Armbanduhr mit Funk-Funktion (FF), die sogar die Zeit aus dem FF meldet: 9.98 steht auf der Anzeige. „Sie braucht nach der Umstellung von Sommer- auf Normalzeit 4,5 Tage, bis sie die kritischen 60 Minuten nicht einfach abzieht. Am 28. Oktober um 9.38 versteift sich der Chronometer trotzig auf 9 Uhr 98. „Mit harter Echtzeit hat das durchaus etwas zu tun. Denn die zwei Zeiten – Sommer- und Winterzeit – sind für die temporale Wirklichkeit einer wirklich smarten Uhr schlicht Pillepalle“, rechtfertigt er die kleine, aber strikt logische Zeit-Eskapade seiner chinesischen Rolex. In der realen Welt ist es eben immer noch 9 Uhr 98. Und es ist ein Merkmal des Chronometers 4.0, dass er sich seine Zeit selbst einrichtet, eben smart und autonom.


Hier zeigt es sich, dass der Fehler eigentlich keiner ist und nur auf den ersten Blick als Fehlfunktion erscheint. Diese Uhr ist der digitale Zwilling der wirklichen Zeit. Sie misst harte Echtzeit und erfüllt Nasa-Standards. „Ich hätte sie der europäisch-russischen Mars-Mission zur Verfügung stellen sollen. Dann hätte keiner über Zuverlässigkeit gerätselt und stunden-, tage- und monatelang auf Daten gewartet.“


Unter dieser Prämisse relativiert sich manch ein Fehler, vor allem im Editorial eines technischen Avantgarde-Magazins. Vielleicht ist das Desing die Zukunft des Designs, quasi Stufe 3 nach Design 4.0?


Bevor die Zukunft über uns hereinbricht, entwickelt mein Chef smarte Wurstzipfel-Etiketten. Sie helfen der intelligenten Weißwurst, dem Esser aus Tokio, Düsseldorf oder Zwickau kundenindividuell diverse Verzehr-Modularitäten zu erklären: zutzeln, schneiden oder schälen? Er braucht die Wurstzipfel-Etiketten nur zu lesen. Denn beim Weißwurstverzehr schleichen sich bekanntlich fatale Fehler ein. Mit einem speziellen Wurstzipfel-Etiketten-Lesegerät aus unserem Mechatronik-Lab werden verzehrkritische biegeschlaffe Produkte fehlerfrei konsumierbar – auch für den nichtbayrischen Laien. Als Extra können diverse Alarmfunktionen implementiert werden: die Wurstaufplatz-Warnung ebenso wie der Nach-12-Uhr-Alarm. Diese mechatronische Wurst weigert sich dann gegen den unzeitgemäßen Verzehr. Die China-Rollex hat diese Fehlerwarnung praktisch per copy & paste. Sie verbindet sich per Ethernet mit dem Wurstzipfel-Etikett.



Herzlich
Ihr Heinrich

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