Meister Yoda und die agile Schlauchreparatur

„Aufgrund eines unerwarteten, fatalen Fehlers (UFF) können Sie dieses Fahrrad nicht benutzen“, lautet die Klartextmeldung auf dem Display. „Überprüfen Sie den Reifendruck“, tönt die Sprachansage der Steuereinheit des Ultra-Force-High-Smart Bikes 4.0. Laut genug für alle User, die nicht lesen können. Auch mein Chef hört hin.

Hoppla, das Rad ist platt! Das bestätigt die erste augenscheinliche Prüfung. Die sensorische Prüfung, also hören, fühlen und sehen, wo der relative Fluchtpunkt der Luft liegt, wird vom Control-System systematisch vorbereitet. Der Microprozessor tut, was er kann: Er rechnet und ermittelt die undichte Stelle im Schlauch. Die Kamera im Reifen schwenkt auf das Loch im eigentlich unplattbaren Spezial-Kautschuk aus den Anden. Schon im nächsten Schritt erscheint Stepp 1 der Reparaturanweisung auf dem Radl-Control-Screen: Vulcanisation-Tire-Repair-Set bereitstellen. Stepp 2: Bicycle-Tube-Refer ... „Ist der Schlauch eingeklebt oder vernietet?“, fragt sich jetzt mein verzweifelter Chef, der als Digital Immigrant sklavisch den Anweisungen aus dem Controller folgt. Nach 10 Minuten weicht er auf Extra-Stepp 3 aus: Über den W-LAN Spot in der Radnabe wird ein simples YouTube-Video eingespielt. Jetzt muss er genau hinschauen: „Fahrradschlauch wechseln einfach und easy auch für Anfänger selber machen“, heißt es dort gewohnt optimistisch. Der Sprachpurist stört sich diesmal nicht an der Grammatik. Emergency macht tolerant.  Leider hilft die Anleitung zum fröhlichen Fahrradflicken nicht bei einem in Losgröße 1 gefertigten Bike 4.0. Die wie ein Samurai-Schwert heiß geschmiedeten und achtfach gefalteten Felgen ergeben einen völlig anderen Schlauch-Haltepunkt. Der Schlauch scheint sich aus seinem Samurai-Schwert-Felgenbett nur rausmeißeln zu lassen. Also Not-Stepp 4: Den Personal Vulcanisation Manager zu Rate ziehen. Leider auch Fehlanzeige. Mr. Spock ist metaglobal in einem anderen Sonnensystem unterwegs. Abbruch der Reparatur.


Unser Chefredakteur kommt zu Fuß in die Redaktion. „Die sieben Kilometer waren in gut 1,5 Stunden zu schaffen“, stöhnt er. „Mr. Spock, der persönliche Vulkanisation Manager, war wie weggebeamt und im Raum-Zeit-Kontinuum nicht erreichbar.“ Selbst im Standardwerk ‚Zen, oder wie repariere ich mein Radl‘ , fand sich keine Lösung. „Alles Fehlanzeige“, flucht das Opfer des total entlüfteten Radels 4.0.


Mein Tipp, endlich mit agiler Technik in der mechanisch dominierten Reparatur- und Montagetechnik handgreiflich zu werden, findet großen Beifall unter den Kollegen in der Redaktion. Frei nach dem Manifest für agile Software-Entwicklung heißt das: „Wir erschließen bessere Wege, den Fahrradschlauch zu reparieren, indem wir es selbst tun und anderen dabei helfen“, bemerkt ein neunmalkluger Redaktionskollege und schlägt gleich vor, die ganze Nacht einen Hackathon zur Lösung der Aufgabe zu veranstalten. „Zwei Kästen Bier stehen schon im Redaktionskühlschrank und Pizza können wir ja bestellen.“


Die Mischung aus Hack und Marathon hat es uns angetan. Seitdem ist der Bierkonsum erheblich angestiegen. Doch das sind Peanuts, verglichen mit der exponentiell nach oben geschossenen Produktivität unserer Mechatronik-Schmiede.  Zunächst wird das Team offen über die zusammengesetzte komplexe Logik des Fahrradschlauchs diskutieren. Als Yoda unserer Redaktion und Scrum-Master sorge ich dafür, dass agile Werte nicht nur auf Software-Entwicklung anwendbar sind. Sie helfen auch beim Reifenflicken. Nicht von ungefähr ist unser Arbeitgeber ja der „agile technik verlag“.


Das Team verlässt das Feld der komplexen Logik und wirft die Gummi-Flickstücke samt der bewährten Vulkanisierflüssigkeit (Kleber) in die Ecke.  Unser Chefredakteur nimmt eine Schere zur Hand.  Oh, was passiert jetzt?  Er schneidet den Schlauch nach dem vierten vergeblichen Flick-Versuch durch. Was soll das? Muss ich eingreifen oder mich an die Prinzipien von Scrum und das agile Manifest halten? Das besagt: „Das Eingehen auf Änderungen hat Vorrang vor strikter Planverfolgung“. Yoda, alias Scum-Master, schweigt während der Mechatronik-Aktivist den durchtrennten Schlauch zusammenknotet und den Erfolg der gemeinsamen Arbeit verkündet. Alle prosten sich beim ersten Bier zu, nur Meister Yoda denkt nüchtern: „Viel zu lernen Du noch hast. Funktionsfähige Produkte vor ausgedehntem Feiern Vorrang haben.“



Herzlichst
Ihr Heinrich

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