Der digitale Zwillingsroboter meines Chefs überlistet ein Captcha (Bild: Schäfer)
„Ich bin kein Roboter“

Das ist immer so eine Sache mit der Identität und ihrem Nachweis. Spiel mir das Lied vom Personalausweis, Reisepass und der Online-Identität. Im Netz tummeln sich seltsame Wesen. Die sogenannten Bots. Die Redaktionskonferenz zu unserer Serie zur Mensch-Roboter-Kollaboration hat kaum begonnen, als unser Chef mit hochrotem Kopf reinplatzt – wie immer zu spät. Aber diesmal besonders laut. „Ich bin kein Robottter!“, brüllt er in den Raum. Er ist wieder mal an einem Captcha gescheitert. Die neue Uhr kann er sich nicht online ordern. 


Alle schauen sich fragend an. Die coole Kollegin von der Online-Fraktion kontert artgerecht: „Roboter werden auch nicht rot vor Wut.“

Wirklich nicht? Das sehe ich anders. Im Nachbarraum steht Peti, der digitale Robi- Zwilling meines Chefs. Er schaut sich gerade Lern-Videos an, die meinen Chef in verschiedenen Lebenslagen zeigen. Er studiert seine Rolle ganz genau ein und kupfert auch Emotionen ab. Er lernt von Menschen, so wie ein Kind immer neue Informationen gewinnt und sie nachahmt. Selbst im Kapitel Wut macht er Fortschritte. Dazu habe ich ihm kürzlich die Aufgabe gestellt, mir einen Flug nach London zu buchen. Er hat sich in eine Suchmaschine geklickt und einen Flug für 126,- Euro ab München gefunden. Beim Weiterklicken poppt ein Fenster auf: „Ups – das kommt uns seltsam vor! Jetzt hast Du so schnell geklickt, dass wir nicht mehr sicher sind, ob Du wirklich Du oder ein Roboter bist. Zum Weitermachen setze bitte ein Häkchen, denn das können Roboter nicht.“

Peti sagt mit typischer Chefstimme: „Ich bin Du, kein Bot, sondern ein echter Robot.  Dann klickt er das Kästchen an: „Ich bin kein Roboter“. Seine Haut verfärbt sich leicht ins Hellrot. Ein emotional elektromagnetischer Anstieg wirft das Heizelement unter seiner Haut an. Ich habe diese Komponente unserem alten Wasserkocher entnommen und mit einer fein abstimmbaren Thermostat-Regelung verbaut. Bei 48 Grad regelt sie meist herunter. Zuviel Wut tut keinem Prozessor gut.


Doch der lästige Captcha (so heißen diese Tests) läutet eine zweite Identitätsrunde ein. Irgendwie verständlich, denn er soll ja Bots aussperren. Zunächst bedankt sich der angestachelte Captcha bei Peti: „Vielen Dank!“ und fordert ihn dann erneut heraus: „Zum Weitermachen klicke auf ,Abspielen‘ und gib die Zahlen ein, die du hörst.“


Jetzt wird es auch mir zu bunt, und ich möchte vermeiden, dass unser Redaktionsroboter einen Wutanfall bekommt. Letztens hat er eine Flasche Bier zerquetscht – praktische Mensch-Roboter-Kollaboration mit starker Hand. Also höre ich hin. Nix zu verstehen, nur eine nuschelnde Automatenstimme, die im weiten akustischen Raum so etwas wie „Zeeeo, Pfeife, …ven“ von sich gibt. Aus Vorsicht gebe ich gleich auf. Einmal als Bot gebrandmarkt fallen alle Karriereaussichten wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Ich kenne da einen Kollegen, dem das passiert ist. Mein Chef steht auf Kriegsfuß mit allen erdenklichen Captchas und hält sich gelegentlich selbst schon für einen Roboter. Ein gefundenes Fressen für unsere Redaktionspsycho- Therapeutin. Meine nette Kollegin aus der Sales-Abteilung hat ein feines Ohr. An sie übergebe ich gerne in solchen Fällen, wenn ich mal wieder auf dem akustischen oder auf einem anderen Schlauch stehe. Sie lächelt, hört und tippt einige Zahlen. Das Tor ins Programm ist wieder offen. Unser digitaler Chef-Zwillingsroboter bucht den Flug nach London. Er lächelt. Dann ziehen die Mikro- Aktuatoren seine Gesichtshaut genau über die Steuerpunkte, die für diesen Gesichtsausdruck zuständig sind. Unser Peti hat beide Lektionen gelernt: Wut und Lächeln.


Am Ende des Lieds stehen wir als Menschen vor der digitalen Transformation, doziert mein Chef auf der Redaktionskonferenz und zitiert mal wieder den Robotik-Philosophen Hans Moravec: „Die Umwandlung der unzulänglichen, biologischen in eine bessere, digitale Lebensform steht unmittelbar bevor – wir werden alle zu Robotern.“ Aber warum ärgert er sich dann, wenn er als Bot eingestuft wird? Gut, online kann er keine Uhr bestellen. Aber der kleine Uhrmacher um die Ecke vertickt wirklich tolle Chronographen – auch für Bots.



Herzlichst
Ihr Heinrich

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