Der Bolzenschneider ist zwar aus heutiger Sicht das richtige Tool, aber hier in den falschen Händen (Bild: Schäfer)
Mein Chef klaut

„Kann ich Ihnen behilflich sein? Warum soll es gerade dieses Fahrrad sein?“ Der Polizist tippt meinem Chef freundlich auf die Schulter, wechselt dann aber doch die Tonlage ins Beamtische. „Wollen Sie dieses Fahrrad stehlen?“ Der Bolzenschneider fällt unserem Chefredakteur aus der Hand, als er den Herrn in Uniform neben sich und dem Fahrradständer sieht.  

 

Nur zwei bis drei kleine Drähte hatten sich der großen Zange noch widersetzt. Einmal richtig Zwicken hätte eigentlich gereicht, aber auch das muss gelernt sein. Wer Fahrradschlösser ohne Schlüssel öffnen möchte, braucht nicht nur die Tools, sondern auch Ausbildung oder einschlägige Erfahrung.


Außerdem packt der Profi das anders an; ein Fahrrad an einem belebten Fußgängerweg in der Sonnenstraße mitten in München zu knacken, schreit nach Vorbereitung. Vielleicht hätte er das Fahrradknacken im Rahmen eines öffentlichen Lehrvortrags vornehmen sollen. Das Thema würde lauten: Das Öffnen eines simplen Fahrradschlosses heute und zukünftig nach der digitalen Transformation des mechanischen Schließmechanismus hin zum Öffnen ganzer Schlössergruppen an Fahrradständern über WLAN-Signale. Ich hätte während dieser Präsentation das gewünschte Fahrrad nach heutigem Standard zunächst einmal stumpf mechanisch mit dem Bolzenschneider durch Trennen des in diesem Falle schlappen 8-Millimeter-Drahtseils geöffnet. Das hätte ich natürlich nicht selbst gemacht, sondern wie jeder gute Referent oder Moderator das Publikum mit einbezogen. Dafür hätte ich mir einen Profi ausgesucht, der Schlosser gelernt hat oder nach einschlägiger Fahrradschloss-Trennerfahrung aussieht.


Allerdings ist es in diesem Falle nicht ganz unwichtig, sein Publikum vorher zu checken. Sobald sich darunter Polizisten oder Rentner mit Dackel befinden, ist es ratsam die Vorstellung abzubrechen, bevor das Drahtschloss durchtrennt wird. Polizeibeamte neigen dazu, den Referenten wegen Anstiftung zu einer Straftat am Vortrag über die digitale Transformation zu hindern. „Es handelt sich hier um ein Eigentumsdelikt, das auch durch seine Digitalisierung nicht aus der Welt geschafft wird“, lautet hier eine von vielen gängigen juristischen Begründungen gegen das schlüssellose Öffnen von Fahrradschlössern. Aber die digitale Transformation mechanischer Schließmechanismen erfordert sehr bald ganz neue Rechtsnormen.


Noch ist es nicht soweit. Im konkreten Falle hat mein Chef zwar versucht, den Polizeibeamten von der Rechtmäßigkeit des gewaltsamen Vorgehens gegen das Seilschloss zu überzeugen. Doch die Erklärung „Ich habe meinen Schlüssel verloren“ fand keine Sympathie beim Ordnungshüter. Aber das lag sicherlich auch an der Vorgeschichte.


Der Schlüssel ging in der Tat verloren, und mein Chef ist deshalb mit dem Bolzenschneider im Rucksack losgezogen. Da die Buchhandlung Hugendubel praktisch auf dem Weg zum abgesperrten Fahrrad liegt, wollte er für seine Tochter als angehende Juristin ein Buch über Strafrecht erwerben. Beim Zahlen an der Kasse ist einigen Kunden wohl der Bolzenschneider aufgefallen, den er auf der Suche nach dem Geldbeutel kurz neben sich abgelegt hatte. „Ein Dieb, der sich vorher juristisch absichert“, ging es wohl einigen anderen Kunden durch den Kopf – auch dem Mann mit Dackel. Dass mein Chef danach vor dem Fahrradständer beim Buchladen den Bolzenschneider mit den Worten „Welches Radl darf es denn sein?“ nach oben hielt, hat auch den Polizisten interessiert.


Kurzum, es war schwer, ihn wieder aus dem Polizeigewahrsam zu befreien. Unser Redaktionsanwalt konnte zwar die Anzeige wegen Vortäuschung einer Straftat abwenden, aber ein schlüsselfreies 4.0-WLAN-Schloss hätte uns viel Ärger erspart.



Herzlichst
Ihr Heinrich

 tellerrand_2_me1.jpg

spacer
Online Werbung @ [me]
spacer