Ein Blick auf die Zukunft der Krawatte (Bild: Schäfer)
Neue Knoten am Hals

„Warum ist sein Krawattenknoten immer schief?“ Das haben wir uns kürzlich gefragt, als unser Chef morgens mit einer Krawatte in der Redaktion auftauchte. „Meine Knoten bleiben schief, egal was ich mache“, entschuldigt er sich bei unserer Kollegin von der Fashion-Polizei. Dabei gibt es längst eine Lösung für den schiefen Knoten.  

 

Nicht auf einer Modeschau, sondern auf einer Messe, die sich schlicht dem Maschinenbau verschrieben hat, ist mir am Hals eines Kollegen der ultimative Trendknoten aufgefallen. Wie kam er dort hin? Der Kollege wusste es selbst nicht, wie es zu dieser Mutation kam. Die neue ungewohnte Optik gab Rätsel auf. War der Knoten links gebunden oder einfach nur in sich gewendet? Jedenfalls ergab das ein ganz neues Krawattenfeeling, fernab vom langweiligen Windsor und seinen schlichten Brüdern.


„Dieser Knoten versteckt seine Windungen und Bindungen nicht“, schwärmt eine Kollegin und geht dem Schlips-Mann mit der umgekehrten Krawatte fast schon zärtlich an den Hals und meint: „Endlich einer, der sich was traut!“


Bisher war ich überzeugt, dass die Spezies der Krawattenträger ausstirbt. Wer wird nach Donald Trump überhaupt noch eine (rote) Krawatte tragen? Die Evolution schafft darüber hinaus auch die Krawatte ab. Aber es kommt anders, wie sich jetzt herausgestellt hat.


Aus sich ständig ändernden Umweltbedingungen wie dem Geschäfts-Klimawandel setzen sich immer neue Mutationen als erfolgreich durch. Das verhält sich wie bei den Erbanlagen, solche die funktionieren, werden optimiert, andere scheitern. Bei den Krawatten hat die Evolution ihr Urteil gefällt: Die überdeckte Knotung mit ihren zahlreichen schiefen Varianten hat ausgespielt. Ein Knoten mit vom Stoff überdeckten Windungen ist gar keiner. Hier wird der Blick ins Herz des Knotens, also aufs Wesentliche, verdeckt. Das Arrangement, das aussieht wie ein in Stoff gegossenes gleichschenkliges Dreieck, läuft der digitalen Transformation entgegen. Die Disruption der alt eingesessenen Dinge macht den Windsor obsolet.


Schließlich geht die Evolution weiter in Richtung Digitalisierung. Sie macht auch vor der Krawatte nicht halt. Das Schicksal des seit dem Beginn der Industriealisierung vorherrschenden Krawattenknotens ist besiegelt: „Der offene Krawattenknoten wird sich durchsetzen“, war kürzlich vom Institut für Design + Nichtdesign zu vernehmen. „Hier liegt eine Mutation vor, die dafür sorgt, dass eine totgesagte Gattung weiter – oder zumindest länger lebt“, begründen die Forscher im Rahmen einer Studie zur Krise der Krawatte.


Die Verdeckung des Knotens hat sich schlicht als modischer Irrwitz herausgestellt, dem wir mehr als 120 Jahre blind gefolgt sind. Kein ehrlicher Knoten muss sich verstecken. Knoten gibt es seit Urzeiten. Anfangs haben unsere Vorfahren zusammengedrehte Pflanzenfasern für den Bau von Werkzeugen verwendet. Später erreichte die Knotenkunde ihren Höhepunkt zu Zeiten der großen Segelschiffe. Fast alle lebensrettenden Knoten stammen aus der Seefahrt und waren anders als der modische Halsschmuck von äußerst praktischer Natur. Beispiele sind der Webeleinstek (Mastwurf) oder der Kuhstek (Ankerstich).


Solche Knoten zu beherrschen, war auf hoher See überlebenswichtig. Bei Windstärke 10 hat sich keiner ernsthaft Gedanken gemacht, ob der Knoten gerade sitzt. Auf die absurde Idee, an einem Knoten vor dem Spiegel rumzuzupfen, wäre keiner gekommen. Exakt am Hals sitzen musste der lebensfeindlichste aller Knoten, der Henkersknoten.


Bleibt die spannende Frage, wie es jetzt weitergeht mit dem Krawattenknoten. Schafft er mit der innovativen offenen Bindung den Sprung in die Welt von Industrie 4.0? Jedenfalls bedarf es dazu offensiver Strategien. Der modische Avantgardist der unverdeckten Krawatte war meines Erachtens zu schamhaft. Die Botschaft des Knotens 4.0 muss offensiv vertreten werden und nicht mit der resignativen Begründung: „Oh, ich habe beim Krawattenbinden nicht in den Spiegel geschaut.“ Das Foto der abgebildeten Krawatte war übrigens erst möglich, nachdem den Chef fünf kräftige Männer und zwei starke Frauen festhielten.

Herzlichst

Ihr Heinrich

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