[me] im Gespräch mit ...

Jan Treede (re.), Director VLT Motion Drives und Christian Schröder (li.),  verantwortlicher Produktmanager für die Antriebsreihe ISD



„Offenheit gewinnt

 

Warum einer nicht alles können kann, darüber sind sich Jan Treede und Christian Schröder einig: „Wer es als kleiner Hersteller mit den großen Playern aufnehmen will, kommt schnell ans Limit, wenn er alles bieten will – von der eigenen Steuerung über Linear- oder Torquemotoren bis hin zum Frequenzumrichter. Irgendwelche Lücken gibt es immer.“

 

 

Im Bruchsaler Innovationszentrum Food, Beverage & Packaging realisiert Danfoss ganz konkrete Kundenprojekte rund um die Antriebstechnik. „Wir konzentrieren uns auf die optimale Antriebsarchitektur und stehen für Offenheit“, sagt Jan Treede. Der Director VLT Motion Drives sorgt in Bruchsal dafür, dass jeder Kunde genau die auf seine Bedürfnisse abgestimmte Lösung erhält. Ein Bekenntnis zur Offenheit.

PETER SCHÄFER

 

Er ist geschickt gewählt, der Standort Bruchsal für das Entwicklungszentrum Food, Beverage & Packaging. Nicht in Graasten, Dänemark, am Stammsitz von Danfoss, sondern direkt im Herzen der deutschen Verpackungstechnik, unweit von den in der Branche so klingenden Namen wie Oystar IWK und der Universität Karlsruhe. Die Nähe zum deutschen Verpackungsmarkt gehört zu unserem Konzept, bestätigt Jan Treede, der Director VLT Motion Drives von Danfoss: „Die hiesigen Verpackungsmaschinenhersteller sind die Weltmarktführer. Der zweitgrößte Markt, Italien, liegt auch nicht weit von hier entfernt.“ Die kluge Standortwahl bestätigt auch das schnelle Wachstum. In nur zwei Jahren hat sich die Mitarbeiterzahl in Bruchsal von 20 auf 50 erhöht. Tendenz steigend. „Wir wachsen weiter – vor allem in der Produktion, denn die Stückzahlen steigen, und mit ihr nimmt die Zahl unserer gut ausgebildeten Mitarbeiter zu“, ergänzt Treede stolz.


„Ein besonderes Merkmal des Entwicklungszentrums ist der Blick über den Tellerrand und das mechatronische Verständnis im Gegensatz zur reinen Produktsicht“, betont Jan Treede. „Ein Frequenzumrichter wird andernorts meist als Komponente verkauft, wir sehen aber vor allem die Applikation dahinter.“

 

Servomotion – die Sicht auf die Lösung


Entsprechend gründlich setzen die Bruchsaler bei Neuentwicklung an: „Für Motion- Lösungen in der Verpackungstechnik steigen wir von Anfang an tief in die Elektrotechnik, die Software sowie in die Mechanik des Antriebs ein und bauen eine komplett mechatronische Lösung auf. Das Entwicklungszentrum steht für die Zielvorgabe der deutschen Vertriebsgesellschaft von Danfoss in Offenbach: Servomotion als die Königsdisziplin der Antriebstechnik weiter zu entwickeln. „Bei Servomotion steht die Lösung im Vordergrund“, erklärt Jan Treede und hebt den kleinen Unterschied hervor: „Komponenten-Anbieter gibt es in diesem Bereich ausreichend viele. Erst mit Blick auf die gesamte Anwendung lassen sich geeignetere Komponenten finden.“ Diese Überlegung war für Danfoss der Grund das Bruchsaler Entwicklungsteam vor zwei Jahren aus der Taufe zu heben. Am Anfang stand ein kundenspezifisch entwickelter Antrieb fürs Etikettieren. Solche Antriebe sind äußerst robust, in einer hohen Schutzklasse ausgeführt und trotzen hoher Dauerbelastung. „Wir haben bei der Entwicklung dieses Systems viel Erfahrung gesammelt und können jetzt auch andere Servomotion-Lösungen anbieten – mit dem ISD 500 haben wir mittlerweile eine komplette Servomotion- Familie im Programm“, erklärt Jan Treede.

 

Markt- und produktionsnah entwickeln


Das erklärte Ziel des Teams um Jan Treede sind markt- und produktionsnahe Entwicklungen mit dem Kunden. Keine Frage, diese Lösungen sollen vom Feinsten und genau auf den Kundenwunsch zugeschnitten sein: „Beverage- und Packaging-Maschinen, Fleischmaschinen, Slicer – die Lebensmittelverarbeitung und -verpackung sowie Nonfood-Verpackungen – das sind die Zielmärkte.“ Dafür spricht auch der mittlere Leistungsbereich der Antriebe, die weder Werkzeugmaschinen auf der einen noch Festplatten auf der anderen antreiben sollen. „Wir entwickeln zwischen 1 und 15 Nm für den Verpackungsbereich“, beschreibt Christian Schröder, der für die Antriebsreihe ISD verantwortliche Produktmanager, die für die Verpackungsmaschinen gefragte Größenordnung und gibt einen kurzen Marktüberblick: „Zwei Drittel unserer Lösungen fürs Packaging dienen dem Verpacken von Lebensmitteln. Aber Kameras und Rasierer werden mit fast identischen Technologien verpackt.“ Ähnlich koordiniert und gesteuert werden die Bewegungen des Kartonaufrichters sowie der Seiten- oder Toploader. „Maschinenbauer sind in beiden Richtungen unterwegs. Wer gut verpacken kann, kann all diese Märkte bedienen“, findet Schröder und ergänzt: „Die Nase vorn hat deshalb der Anbieter, der mit seinen Antriebskonzepten den Maschinenbauern Lösungen für flexiblere Maschinen an die Hand gibt.“ Verpackungsmaschinenhersteller wollen höheren Output, mehr unterschiedliche Packungsgrößen mit nur einer Maschine abdecken, und darüber hinaus fordern sie mehr Energieeffizienz. Auch in Sachen Hygiene steigen die Ansprüche: „Leichter, schneller und mit immer höheren Temperaturen soll in längeren Zyklen gereinigt werden.“ Dazu erwarten die Kunden Gespür fürs funktionale Design von den Entwicklern im Food- und Beverage-Bereich. „Zum besseren Reinigen ist der Gehäusedeckel des VLT Integrated Servo Drive ISD 510 in einer leicht abgerundeten Form ohne Störkonturen gehalten“, erklärt Schröder am Beispiel einer kundenspezifischen Antriebslösung.

 

Maschinenhersteller erwarten offene Steuerungsarchitektur


Deutsche Verpackungsmaschinenbauer sind stark innovationsgeleitet. Um die steigenden Anforderungen zu erfüllen, werden Maschinen immer komplexer. „Es ist selten, dass ein Anbieter alle Wünsche für die erwarteten komplexen Applikationen aus seinem Portfolio abdecken kann. Mit offenen Steuerungsarchitekturen ist der Kunde flexibler. Er kann sich die beste Lösung am Markt aussuchen. Deshalb setzen wir konsequent auf Offenheit“, sagt Jan Treede und erklärt warum Danfoss sich hier von vielen anderen Wettbewerbern abheben möchte: „Der Endkunde kauft eine Funktion. Wenn jede Maschine über eine andere Steuerungsarchitektur verfügt, ist der Maschinenbauer gezwungen, mehrere Architekturen bei sich zu dokumentieren oder zu pflegen. Der Maschinenbauer und seine Kunden behalten ihre Wahlfreiheit, wenn Unterschiede nur auf der Steuerungsebene bestehen, die Architektur darunter aber einheitlich bleibt.“

 

Offenheit führt zu besseren Maschinen


„Entscheidend für den Kunden ist der Zielmarkt“, ergänzt Christian Schröder. Ob die Maschine in die USA geht oder in Europa bleibt, bedingt die Entscheidung für eine bestimmte Steuerungsarchitektur. „Ethernetbasierte Bussysteme mit größerer Offenheit setzen sich weltweit durch“, findet Schröder. 13_5_IV_Danfoss_Christian_S.jpg Offenheit ermöglicht die Entwicklung besserer Maschinen. EtherCat als relativ offenes System mit hoher Performance habe den Markt wachgerüttelt. Für den Danfoss- Mann beeinflussen die Zielmärkte und die Offenheit die Wahl der Systeme: „Im ersten Entwicklungsschritt und bedingt durch unseren Fokus auf den europäischen Markt setzen wir Powerlink und EtherCat ein. Wir haben aber auch ProfiNET sowie Ethernet IP in unserer Roadmap.“


Die eigene Servoantriebsplattform bedient Danfoss mit diesen vier Bussystemen und stellt darüber hinaus Motion-Bibliotheken zur Verfügung, die in die jeweilige Entwicklungsumgebung eingebunden werden können. „Damit lassen sich unsere Antriebe einfach in die Applikation integrieren.“, sagt Jan Treede, verweist aber auf seine Applikationsabteilung, die im Falle eines Falles den Kunden gerne unterstützt. Eigene Steuerungen zu entwickeln lehnt er kategorisch ab. „Wir konzentrieren uns auf unsere Kernkompetenz – die Antriebstechnik.“ Treede appelliert an die Maschinenbauer, ihren Anspruch nach einheitlichen Steuerungsarchitekturen deutlicher bei ihren Steuerungsherstellern einzufordern. „In einer komplexen Maschine wie einer Getränkekartonmaschine stecken Mannjahre in der Softwareentwicklung, die in einer bestimmten Steuerungsarchitektur eingebunden sind. Einmal entwickelt möchte der Maschinenbauer diese Arbeit auch gerne wiederverwenden – und nicht bei jeder Entwicklung neu programmieren.“

 

Der Kompromiss ist der Feind der Innovation


Wie schnell sich Maschinenbauer mit faulen Kompromissen zufrieden geben müssen, zeigt sich, sobald sich antriebsseitig Spezialanwendungen ergeben: „Wenn ein Linearmotor oder eine integrierte dezentrale Servolösung sich für einen bestimmten Anwendungsfall ideal für eine bessere Maschine erweisen, dann verhindert oft die proprietäre Struktur diese Innovation. Am Ende bleibt der Kunde meilenweit vom Optimum der Maschine entfernt“, folgert Treede. Alternativ müsse er statt Programmteile wieder zu verwenden, neu in die Software-Programmierung investieren. „Seine Entwicklungskosten steigen und als i-Tüpfelchen werden wieder neue Investitionen in Wartung- und Support fällig.“


Große Maschinenbauer können hier ihre Marktmacht geltend machen und durchaus verdeutlichen, dass sie eine Steuerung mit einem bestimmten Antrieb haben wollen. „Wer innovative Maschinen bauen möchte, muss die besten Komponenten verbauen und kann nicht auf 10 Prozent an Innovation verzichten, nur weil er irgendwann auf die ‚falsche‘ Steuerungsarchitektur gesetzt hat. Wenn ich Manager im Maschinenbau wäre, hätte ich auch kein Interesse die Steuerung alle fünf Jahre mit jeder neuen Maschinengeneration zu wechseln. Modularer Maschinenbau mit modularen Softwarelösungen ist der richtige Weg“, resümiert Treede. Die Innovation kommt durch ein hohes Maß an Offenheit und dadurch, dass jeder das Optimum aus seiner Maschine herausholen kann. „Deshalb ist es unser oberstes Ziel, ihn in die Lage zu versetzen, bestmögliche Maschinen zu bauen. Wenn unser Kunde sich dadurch am Markt erfolgreich durchsetzen kann, stimmt auch unser Return on Investment. Wer darauf setzt, noch die letzte Achse mit eigenem Bussystem zu verkaufen, der denkt zu kurz.“

www.danfoss.de  


13_5_IV_Danfoss_Jan_Treede.jpg[me] Zusatzfragen

Auf der Hannover Messe hat Danfoss die Antriebsplattform ISD 500 vorgestellt. Was zeichnet diese aus?

Jan Treede: Die ISD-500er-Familie hat gegenüber der 400er mehr Funktionalität. Und sie ist einfacher zu handhaben: In der 500er-Reihe gibt es nur ein Schaltschrankgerät. Die Servo-Axis-Box basiert auf einem Frequenzumrichter. Durch die bewährte Danfoss-Techologie sind wir in der Lage bis zu 64 Antriebe ohne zusätzliche Komponenten zu bedienen. Allerdings hängt das stark von der Applikation ab, wie viel Antriebe in einer Box betrieben werden. Zudem nutzen wir eine breitere Palette an Leistungsgrößen sowie unterschiedliche Flanschgrößen und einen Drehmomentbereich von 1,7 bis 15 Nm im Nennbereich. Wir können damit jederzeit kundenspezifische Anpassungen vornehmen. Dazu brauchen wir lediglich die Flanschausführung um die Welle zu verändern. Das LCP hat sich hier als Diagnosetool bewährt, und man kann damit bei der Inbetriebnahme einfache Bewegungen parametrieren. In der 500er Generation gehen wir auch in der Zwischenkreisspannung nach oben: statt 400 V wie beim ISD 410 gehen wir nun auf 600 V beim ISD 500


Welche offenen Schnittstellen nutzen Sie?

Für den ISD 410 nutzen wir CAN Open als offene Schnittstelle, also den Klassiker unter den offenen Interfaces. Zugegeben, wir sind richtige CAN Fans, aber leider hat dieser Bus keine hohe Bandbreite. Daher setzen wir beim ISD 500 zunächst auf Power Link und EtherCAT, weitere Bussysteme wie ProfiNet und Ethernet IP werden später folgen.


Wie geht es weiter mit der 500er Reihe?

In Hannover haben wir auch den ISD 510 vorgestellt, den neuen Antrieb aus der ISD 500er Familie. Die Prototypen sind derzeit im ersten Maschinen-Einsatz. Ende des Jahres wird der Antrieb zur Verfügung stehen.

 

Beitrag aus [me] 5/2013

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