[me] im Gespräch mit ...

Horst Hölzl Firmengründer und
Cornelia Hölzl Geschäftsführerin der
Murrplastik Verwaltungs- und Beteiligungs-GmbH


"Von der Wäscheklammer zur Energieführungskette"


Begonnen hat alles in den 60er Jahren mit Kunststoffartikeln für den Haushalt. 1984 hat Murrplastik die erste öffenbare Energieführungskette zum Patent angemeldet. Firmengründer Horst Hölzl und seine Tochter Cornelia Hölzl, Geschäftsführerin der Murrplastik Verwaltungs- und Beteiligungs-GmbH, geben einen Einblick in 50 Jahre Entwicklungsgeschichte eines Familienunternehmens – und geben Signale in Richtung Zukunft.  HANS HALLER      

 

 


 

Herr Hölzl, woran denken Sie bei Wäscheklammern und Blumentöpfen?


Horst Hölzl: (lacht) Ja, ja das waren in der Tat die Anfänge am Ende der 60er Jahre. Wer hätte das damals gedacht, was sich daraus entwickeln würde? Gemeinsam mit Andreas Fröhlich habe ich damals einen Vollautomaten für die Herstellung doppelt abgekröpfter Federn entwickelt – das hat die Produktion von Wäscheklammern komplett neu aufgestellt. In der Tat war das – oder genauer gesagt die Lizenzeinnahmen hieraus – das Fundament der späteren Murrplastik. Mit weiteren Entwicklungen in erster Linie Haushaltswaren aus Kunststoff wie Flaschenöffner, Stapelschalen und Dosenöffner ging es dann ökonomisch rasch aufwärts und mündete dann 1963 zu guter Letzt in die Gründung der Murrplastik. Diesen Kunststoffprodukten – heute würde man „Tupperware“ dazu sagen – blieb die Murrplastik dann in ihren ersten Jahren auch weiterhin verbunden.

 

Sie haben das Stammkapital für die Gründung der Murrplastik ganz ohne Bankbürgschaften aufgebracht?


H. Hölzl: Ja, richtig. Mit dem Startkapital aus den Stücklizenz-Zahlungen für den Vollautomaten konnten Andreas Fröhlich und ich unsere Anteile für die Gründung der Murrplastik GmbH aus der eigenen Tasche finanzieren. Zum einen waren das jeweils 10000 DM für die Gründung der GmbH und zum anderen jeweils weitere 30000 DM für den Bau der ersten Fertigungshalle. Also zusammen 80000 DM. Für mich, damals als jungen Mann, war dieses „Start-up“ schon ein richtig großes Ding.

 

Frau Hölzl, Sie haben bereits vor Jahren das operative Geschäft von Ihrem Vater übernommen. Ist heute eine solche Erfolgsgeschichte wie die Ihres Vaters – sozusagen aus der Garage auf den Weltmarkt – überhaupt noch denkbar?


C. Hölzl: Sicherlich ist so etwas heute nur noch bedingt vorstellbar. Man muss wissen, dass die Nachkriegszeit sicherlich eine andere Zeit war. Firmen wie Stihl, Trumpf, Eisenmann, Frech – um hier nur eine kleine Auswahl aus unserer näheren Umgebung zu nennen – haben damals mit bahnbrechenden Innovationen den Grundstein für ihre heutige Marktstellung gelegt. Die Märkte sind heute viel, viel enger als noch vor 50 Jahren. In der Konsequenz müssen wir unsere Forschungs- und Entwicklungsbemühungen organisatorisch als einen ständigen Prozess verstehen.

 

Mit mehr als 160 Patenten steht die Murrplastik-Gruppe doch nicht schlecht da?


C. Hölzl: Schon, aber wir können uns nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Mit der Gründung der Murrplastik Innovationstechnik GmbH dieses Jahr wollen wir darum ganz bewusst alle Innovationsressourcen in einer selbstständigen Einheit bündeln und der gesamten Murrplastik-Gruppe zur Verfügung stellen. Um als ein modernes managementgeführtes Familienunternehmen mit vorne dabei zu sein, müssen wir hart für unsere Wettbewerbsvorsprünge kämpfen.

 

Und die Nachfolgefrage hat Murrplastik zudem, wie man sieht, erfolgreich gelöst.


C. Hölzl: In der Tat. Wir haben uns schon sehr früh in der Familie über den Übergang verständigt.

 

Die Murrplastik Gruppe ist heute sehr erfolgreich als Zulieferer in den Bereichen Automotive, Maschinenbau sowie Bahn- und Medizintechnik aufgestellt. Wie kommt man dorthin von Wäscheklammern und Blumentöpfen?

 

H. Hölzl: (schmunzelt) Es klingt vielleicht merkwürdig… Ich bin sicherlich nicht der klassische Tüftler, der jahrelang grübelt und dann „Heureka“ aus dem Keller oder der Garage stürmt mit einer Erfindung.

 

Sondern?


H. Hölzl: Mich hat immer die Frage beschäftigt, was macht das Leben einfacher, wie werden Prozesse vereinfacht – egal ob im Haushalt, in einem Auto, im Maschinenbau oder in der Fertigung in einem Industriebetrieb. Sozusagen die Wirklichkeit, also das reale Leben inspiriert mich zu Verbesserungen. Das war stets der innere Motor aller meiner Entwicklungen und Patentanmeldungen. Das erklärt sicherlich, dass einige solcher Entwicklungen der Garant für wirtschaftlich erfolgreiche Produkte waren.


C. Hölzl: Heute würde man dazu sagen: „Inspired by Reality“. Mein Vater hat seit jeher einen Block und Bleistift parat, so dass er sich jederzeit seine Ideen aufzeichnen kann. Im Restaurant muss dann schon mal die Serviette herhalten. So meldet er auch heute noch – er wird jetzt 80 Jahre jung – jedes Jahr mehrere Patente an.

 

Und es gab nie Flops?


H. Hölzl: (lacht) Natürlich gab es auch Fehlentwicklungen oder wir haben schlicht und einfach den Markt – also die Kunden – falsch eingeschätzt. Aber! Wir haben niemals Produkte auf den Markt gebracht, mit denen wir alles auf eine Karte gesetzt hätten. Natürlich muss man mit jeder Neuentwicklung ein gewisses Risiko eingehen. Das liegt in der Natur der Sache. Kosten, Chancen und ein ausgewogenes Produktportfolio haben wir dabei aber immer im Auge behalten. So hat sich die Murrplastik unter dem Strich kontinuierlich und erfolgreich weiter entwickelt.

 

Herr Hölzl, wenn Sie auf 50 Jahre zurückblicken, an was erinnern Sie sich am liebsten?


H. Hölzl: An die Menschen: Also Geschäftspartner, Kollegen und Kunden. Zum eigenen Erfolg gehören immer Förderer und Partner als Wegbegleiter. Hierzu zählt für mich Karl Hüller, der damalige Firmeninhaber der Hüller GmbH in Ludwigsburg. Parallel zum Aufbau der Murrplastik trat ich 1965 als Konstruktionsleiter bei Hüller in die neu geschaffene Abteilung für NC-Technik ein. Man muss wissen, dass die NC-Technik damals noch in den Kinderschuhen steckte. Karl Hüller erkannte sehr früh das Potential dieser neuen Technik. Gemeinsam mit Karl Hüller konnte ich aktiv den Technologiesprung im Maschinenbau zu numerisch gesteuerten Systemen also zur NC-Technik, begleiten. Heute nutzt man Rechnersteuerungen, damals noch Lochkarten, doch das Prinzip ist das Gleiche geblieben. Der damals von Karl Hüller und mir zum Patent angemeldete Hubomat – also mit NC-Technik – war seiner Zeit weit voraus und ein großer ökonomischer Erfolg.

 

Herr Hölzl, die Murrplastik war nicht ihr „einziges Kind“. Sie haben sozusagen auf vielen Hochzeiten getanzt. Wie kam es dazu?


H. Hölzl: Da hatte meine Großmutter entscheidenden Einfluss. 1975 wurde Hüller von der ThyssenKrupp AG übernommen und meine Abteilung ins Ruhrgebiet verlagert. Ich erinnerte mich an den Spruch meiner Großmutter: „Lieber ein kleiner Herr als ein großer Knecht“. Also blieb ich im Ländle. Neben dem Ausbau der Murrplastik gründete ich 1976 gemeinsam mit den Kollegen Max Roßkopf, Hansjörg Romann und Ulrich Stabernack die teamtechnik GmbH in Freiberg. Die teamtechnik wurde eine Erfolgsgeschichte und ist es bis heute. Ein Jahr zuvor, also im Jahr 1975 hatten Franz Hafner, Andreas Fröhlich und ich die Murrelektronik in Oppenweiler gegründet.

 

Der Aufbau von drei Firmen ist für eine junge Familie sicherlich nicht ganz unproblematisch?


C. Hölzl: Natürlich war mein Vater immer viel unterwegs. Aber er hat mir gleichzeitig den „Murrplastik-Virus“ und den Spaß, Dinge voranzutreiben, mit auf den Weg gegeben. Ich wusste von Kindesbeinen an, was auf mich zukommt. Als Mädchen durfte ich ihn in den Ferien zu Vertriebspartnern rund um den Globus begleiten.

 

Ihre Karriere war also schon ein Stück weit vorgezeichnet? Vielleicht sogar Bestimmung?


C. Hölzl: (lacht) Ja, rückblickend ist das vielleicht richtig. Zwar konnte ich mir nach dem Studium noch nicht so recht vorstellen, in den väterlichen Betrieb einzusteigen. Doch nach meinen Berufsjahren im internationalen Umfeld bei Trumpf hat es mich dann doch mehr und mehr gereizt, in die Fußstapfen meines Vaters zu treten. Diesen Schritt habe ich auch nie bereut. Wir haben eine wunderbare Mannschaft bei Murrplastik. Und ganz ehrlich: Ich freue mich jeden Tag, zur Arbeit zu gehen.

 

Wie wurde dann die Murrplastik zu dem, wie man sie heute kennt?


H. Hölzl: Die Jahre 1975 bis 1985 waren der entscheidende Impuls hin zur modernen Murrplastik. Mit dem Eintritt von Rainer Funk im Jahr 1979 in die Geschäftsleitung der Murrplastik wurde der Grundstein für die Murrplastik Systemtechnik einerseits und die Murrplastik Produktionstechnik andererseits gelegt. Seit 1992 werden diese beiden Bereiche in zwei selbständigen Firmen mit eigener Geschäftsführung und Vertriebsstruktur geführt. Während die Murrplastik Systemtechnik mehr und mehr zum Zulieferer und Systempartner für die Automation und Werkzeugmaschinen-Hersteller wurde, entwickelte sich die Murrplastik Produktionstechnik hin zum Zulieferer für die Automobilindustrie.

 

Die Verantwortung lag damit also nicht mehr nur bei Ihnen?


H. Hölzl: Ja, richtig. Entwicklungen und Entscheidungen wurden immer mehr gemeinschaftlich in den Teams der Murrplastik Gruppe erarbeitet. Man muss wissen, dass Ende der 70er der Maschinenbau in Deutschland rasant vorwärts geschritten ist. CNC-Technik, Automatisierungen und der verstärkte Einsatz von Elektronik bestimmten die Entwicklung. Gut funktionierende Teams und Organisationen sind seitdem ein entscheidender Erfolgsfaktor.


C. Hölzl: In dieser Zeit wurden bei der Murrplastik Produkte entwickelt, die uns bis heute begleiten – wenn man so will, unsere heutigen „Cash-Cows“. Es wurde die weltweit erste zu öffnende Energieführungskette gefertigt und patentiert. Das ist heute Standard. Geschlossene Energieführungsketten und damit verbunden lange Montage- und Wartungszeiten waren damals der Standard. Mitte der 80er Jahre wurde die weltweit bekannte Adermark-Kennzeichnung eingeführt. Das war die erste universal einsetzbare computergestützte Kennzeichnung für Einzeladern und Klemmen im Schaltschrank.


H. Hölzl: Bei der Murrplastik Produktionstechnik wurde nach der Aufgliederung im Jahr 1992 die vollautomatische Großserienfertigung von technischen Kunststoffteilen eingeführt. Auch Bestückungsroboter wurden in die Fertigung integriert. Nächster Schritt war die Einführung von Hybrid- Spritzgusstechniken. Die Verbindung von thermoplastischem Kunststoff mit Metall konnte seitdem im selben Prozessschritt erfolgen. Mittlerweile gehört die Murrplastik Produktionstechnik zu den führenden Herstellern von pneumatischen Aktuatoren aus Kunststoff für die europäische Automobilindustrie.

 

Worauf sind sie rückblickend als die zentrale Errungenschaft der Murrplastik am meisten stolz?


H. Hölzl: Ich denke dabei nicht an einzelne Projekte oder Erfindungen. In der Summe ist die Murrplastik heute ein innovatives und weltweit erfolgreiches Unternehmen, das viele unserer Ideen und Visionen verinnerlicht hat: „Wie kann man das Leben unserer Kunden verbessern“, oder anders gesagt: „Arbeitszeiteinsparung bei der Montage“, stand dabei für uns immer im Mittelpunkt. Dass ich heute bei vielen neuen Entwicklungen nach wie vor als Senior-Berater mit einbezogen und um Rat gefragt werde, freut mich dabei umso mehr.


C. Hölzl: Lassen sie mich nach vorne schauen. Ich denke, dass wir die Signale in Richtung Zukunft richtig gesetzt haben. Mit der Gründung der Murrplastik Innovationstechnik GmbH setzen wir ein deutliches Zeichen, dass die Basis unserer Arbeit stets auf technischen Vorsprüngen beruht. Nächstes Jahr wird unser neues Logistik-, Versuchsund Produktionszentrum in Oppenweiler fertiggestellt sein. Das ist für uns ein deutliches Bekenntnis zum Standort Oppenweiler und zu „Made in Germany“. Darüber hinaus liegt mir das soziale Engagement am Herzen. Unter dem Motto „Educate one World“ haben wir auf Sri Lanka langfristige Ausbildungs- und Schulprojekte ins Leben gerufen. Ich bin der festen Überzeugung, dass Bildung die Voraussetzung für jegliche positive Entwicklung ist. Und natürlich freuen wir uns über jede Unterstützung für den Educate one World e.V.

www.murrplastik.de

 

 

Beitrag aus [me] 1/2014

14_1_IV_murrplastik_SEI.jpg 

spacer
Online Werbung @ [me]
spacer