[me] im Gespräch mit ...

Ralf Moseberg 
verantwortet den Bereich Lineartechnik bei Schaeffler Industrie in Homburg

"Wir ergänzen die Kernkompetenz des Kunden"


 

Standard oder maßgeschneidert? Kann eine Produktpalette in der Lineartechnik so ausgereift sein, dass sich für jede Anwendung die passende Lösung findet? Ralf Moseberg spricht über Baukästen, Systemlösungen, und er erklärt, wohin sich die Lineartechnik entwickelt. Seit August 2013 verantwortet er den Bereich Lineartechnik bei Schaeffler Industrie. 


Welche Etappenziele haben Sie sich für die Lineartechnik vorgenommen?


Ralf Moseberg: Nachdem ich in meiner vorhergehenden Funktion bereits für die Strategieerstellung und -umsetzung zuständig war, ging es in erster Linie um die beschleunigte Weiterführung der eingeschlagenen Richtung. Hierzu haben wir die Organisation optimiert, um flexibler auf Marktanforderungen reagieren zu können.


Auf der Produktseite geht es für uns einerseits um die Weiterentwicklung unseres Standardbaukastens. Mit der RUE25-E haben wir eine neue Generation der Rollenumlaufeinheiten in den Markt eingeführt. Andererseits stellt der Ausbau unserer Systemlösungen einen Schwerpunkt dar.

 

Also verbesserte Produkte plus mehr Systemlösungen?


Richtig. Diese beiden Standbeine sind wichtig und sie gehören zusammen. Denn auch im Rahmen unserer Systemlösung können Kunden das komplette Schaeffler-Produktprogramm nutzen. Ob Linearführungen, Spindellager, Kugellager oder unterschiedliche Antriebe – aus diesen und einer großen Zahl anderer Produkte können wir optimale Lösungen für die Anwendung erstellen. Zugute kommen uns dabei die fertigungstechnischen Kernkompetenzen von Schaeffler. Dadurch können wir Besonderes leisten und bereits in der „ersten Etappe“ Antriebselemente wie z.B. unseren Planeten-Wälz-Gewindetrieb entwickeln. In Verbindung mit Systemlösungen erschließen wir mit solchen Produkten zahlreiche neue Anwendungsfelder. Deshalb ist mein nächstes Etappenziel, für solche mit unserer besonderen Fertigungstechnik hergestellten Produkte viele neue Anwender zu gewinnen.

 

Was sind diese besonderen Fertigungstechniken, die Sie für ihre Lineartechnik nutzen können?


Fertigungstechnisch hat Schaeffler viele Alleinstellungsmerkmale über Jahre aufgebaut. Sie reichen von Tiefziehtechnologien bis hin zur Massivumformung, weg von der spanenden Bearbeitung. Dadurch können wir hochseriell viele neue Produktlösungen in der Lineartechnik realisieren.

 

Standard oder maßgeschneidert? Kann eine Produktpalette so ausgereift sein, dass sich für jede Anwendung die passende Lösung zusammenstellen lässt?


Unsere Produktpalette ist modular aufgebaut. Dadurch erst lassen sich aus einem Baukasten maßgeschneiderte Lösungen für die unterschiedlichsten Branchen erstellen – von der Holzbearbeitung bis hin zur Medizintechnik. Entscheidend für die passenden Lösungen ist, dass wir im engen Kontakt mit unserem Kunden stehen und wissen, was er braucht. In enger Anlehnung an Kundenbedürfnisse haben wir einen sogenannten KIT-Baukasten für unsere Profilschienenführungen entwickelt. Mit Hilfe dieser KITs passen wir unsere Standard- Führungswagen an die unterschiedlichen Anwendungsbedingungen an. Neben diesen KITs haben wir umfangreiches spezifisches Zubehör wie Dämpfungsschlitten, Brems- oder Klemmelemente, die zum Beispiel zu unseren Kugel- und Rollenumlaufeinheiten passen.

 

Was decken Sie mit Standards und was mit Sonderleistungen ab?


Die Abgrenzung ist schwierig bei unserer Vielfalt an Montagevarianten, denn wo endet der Standard und wo beginnt die Sonderleistung? Solche Varianten sind z.B. modifizierte Standardführungswagen, die aus unserem KIT-Baukasten entstanden sind. Kundenanforderungen lassen sich damit schnell und flexibel umsetzen – zumal solche Montagevarianten einen großen Teil unseres Lieferspektrums darstellen.


Sie sind aus meiner Sicht keine klassische Sonderleistung, denn meistens findet der Kunde durch das dahinter stehende modulare System genau das, was er braucht – die für seine Anwendungen optimale Lösung. Unser Ingenieur-Außendienst lässt dabei keine Frage offen und stellt sicher, dass konkrete Lösung und Nutzen schon in der Kundenberatung definiert werden.

 

Die Sonderlösung ist also eher die Ausnahme?


Ja. Eine „Sonderlösung“ spielt sich außerhalb unseres modularen Baukastens ab und ist ein zu validierendes Neuprodukt. Wir erstellen unsere Kundenlösungen mehrheitlich aus Baukästen, die aus validierten Komponenten und Baugruppen bestehen. Anderenfalls starten wir eine Neuentwicklung inkl. Validierung anhand unseres Produktentstehungsprozesses. Deshalb bleiben solche Sonderleistungen die Ausnahme. Schließlich lässt der Baukasten kaum Wünsche offen.

 

Zuführ- und Transportsysteme erfordern Geschwindigkeit und Genauigkeit, während es bei Messmaschinen auf Steifigkeit und Präzision ankommt. Wie bewegen Sie sich zwischen diesen beiden Polen?


Unser Produktbaukasten ist mit all seinen Möglichkeiten die Antwort. Highspeed und hohe Dynamik stecken zum Beispiel in unseren weiterentwickelten Kugelumlauf- Einheiten. Ein besonderer Programmpunkt ist die KUVE-High-Speed (KUVE 25 B-HS), die eine Geschwindigkeit von 10 Metern pro Sekunde erreicht. Im Gegensatz zu Wettbewerbsprodukten müssen wir bei dieser Ausführung nicht auf teure keramische Wälzkörper oder metallische Umlenkungen zurückgreifen. Gebaut wird sie in einer speziell auf die Anwendung angepassten Kopfstückgeometrie. Dazu haben wir mit unserer hauseigenen Kunststofftechnik zusätzlich einen Werkstoff mit besonders guten Dämpfungseigenschaften entwickelt.

 

Was tun Sie, wenn Steifigkeit und Präzision gefragt sind?


Steifigkeit ist ja vor allem bei Produktionsmaschinen gefragt. Für diese Anforderungen sind unsere Rollenumlaufeinheiten wie geschaffen.


Bei Messmaschinen steht die Präzision im Vordergrund, denn hier kommt es auf sehr hohe Positionier-Genauigkeit an. Wenn es der Anwendungsfall zulässt, greifen wir hier auf Flachkäfigführungen zurück, die durch ihre konstruktive Ausführung keine Hubpulsation aufweisen. Beim Einsatz von Profilschienenführungen mit Wälzkörperumlauf nutzen wir unter anderem Berechnungsprogramme zur Simulation der optimierten Pulsation.

 

Jede Linearbauart hat charakteristische Eigenschaften und eignet sich für bestimmte Lagerungsfälle. Wie kommt der Maschinenbauer mit dieser Komplexität zurecht, und wie unterstützen sie ihn?


Über unseren Außendienst bieten wir dem Maschinenbauer branchenspezifische technische Beratung. Standardmäßige Produktspezifikationen wie zum Beispiel für Holzverarbeitungsmaschinen erleichtern seine Arbeit. Dazu gehören zum Beispiel die in der Holzbearbeitung benötigen speziellen Abdichtungen. Solche Dichtungs-KITs sind genau auf die Maschinen abgestimmt. Ebenso unterstützen wir zum Beispiel Kunden in der Medizintechnik. Wenn eine geringe Verschiebekraft gebraucht wird, haben wir besonders reibungsoptimierte Lösungen im Programm.

 

Weiß der Maschinenbauer eigentlich meist, was er will, wenn er zu Ihnen kommt? Welche Rolle spielen die Beratung und der Service?


Das ist sehr unterschiedlich – von Branche zu Branche sowie von Kunde zu Kunde. Manche beschäftigen sich intensiv mit der Lineartechnik. Im Beratungsprozess geht es hier vor allem um Detailfragen und Berechnungssupport. Andere nutzen unseren kompletten Beratungsprozess, der bei unserem technisch geprägten Außendienst beginnt. Beratung und Kundennähe sind Differenzierungskriterien, die über das später eingesetzte Fabrikat entscheiden.

 

Lineartechnik – dabei denke ich zunächst an Hardware. Welche Rolle spielen die Elektronik und die Software? Kommen die erst bei Spielarten wie den Torquemotoren ins Spiel?


Das ist eine Frage der Integration. Zur Integration der Software nutzen wir die großen Möglichkeiten, die Schaeffler bietet. Wir können auf ein Systemhaus mit sehr hohem Know-how in der Software- und Elektronikentwicklung zugreifen. Dabei werden Synergien, Know-how und Ressourcen gebündelt, denn dieses Systemhaus wird sowohl von Schaeffler Automotive als auch von Schaeffler Industrie genutzt. Aktuell laufen dort einige sehr interessante Projekte bezüglich Aktorik im Konsumgüterbereich. In solchen Projektteams werden die Kollegen aus dem Systemhaus integriert und übernehmen den Part der Softwareentwicklung.

 

Wie sieht die Reiseroute der Lineartechnik zur Mechatronik aus?


Sie wird von Homburg aus koordiniert. Unser Bereich Systemlösung projektiert die entsprechenden mechatronischen Lösungen. Wie solch ein Systemgeschäft geprägt ist, hängt von den Kundenanforderungen ab – je nachdem ob er eine mechanische Baugruppe oder das komplette mechatronische System möchte. Wir kennen die Anwendungen unserer Kunden, deshalb werden für solche Lösungen die entsprechenden Ressourcen hier im Linearbereich koordiniert.

 

Viele Marktbegleiter schlagen den Weg zum Komplettanbieter für Antriebs- und Automatisierungstechnik ein. Wie interessant ist dieser Weg für die Lineartechnik im Hause Schaeffler?


Auf dem Weg zum Komplettanbieter verlieren viele den Wert der Komponente aus den Augen. Für mich sind Komponenten sowie Systemlösungen zwei wichtige Säulen. Die Komponente ist und bleibt ein wesentlicher Bestandteil unseres Geschäfts. Andererseits fordern vor allem die Systemlösungen unsere Kompetenz heraus – und es entstehen Lösungen, die nur wir unseren Kunden bieten können. Entscheidend ist, dass wir Komplettlösungen auf Kundenbedürfnisse ausrichten. Das kann eine mechanische Baugruppe sein, abhängig von der Kernkompetenz des Kunden. Denn wir wollen mit Systemlösungen nicht in Wettbewerb zu unseren Kunden treten. Wir bieten Komplettlösungen an, wenn der Kunde sie braucht. Ob Standardkomponente oder Systemlösung – beides richten wir an den Kundenbedürfnissen aus.

 

Linerartechnik ist mitverantwortlich für die Bewegung von Maschinen. Wie weit gehen Sie, wenn Sie ausgehend von der Lineartechnik Bewegungsaufgaben an einer Maschine lösen?


Wir werden keine Maschinen bauen. Aber wir lösen gerne die Aufgaben, die hinter der Anforderung an die Maschine stehen. Ein gutes Beispiel für die komplette Bewegung sind Computertomographen, die von einem Behandlungsraum in den anderen verfahren werden müssen. Diese Aufgaben haben wir gemeinsam mit unseren Kunden gelöst und neben der ‚reinen‘ Lineartechnik die komplette Elektronik inklusive der Steuerungstechnik mitgeliefert. Einer unserer entscheidenden Wettbewerbsvorteile kommt uns hier zugute, denn wir können uns vom gesamten Schaeffler-Produktportfolio bedienen. Dazu zählen zum Beispiel Rotativlager oder Direktantriebe von IDAM, unserer Tochter in Suhl.

 

Welche Rolle spielt eigentlich der Branchenbezug in Sachen Systemtechnik?


Eine sehr wichtige Rolle. Denn hier kommt es entscheidend darauf an, wo die Kernkompetenz des Kunden liegt, und wie wir uns am besten ergänzen. In der Medizintechnik bieten wir vor allem alles rund um mechanische Bewegungsabläufe inklusive der entsprechenden Steuerungstechnik. Für Kunden mit hohem Know-how in der Automatisierung sind insbesondere unsere „mechanischen“ Komponenten oder Baugruppen interessant.

 

Anforderungen an Linear-Komponenten sind so unterschiedlich wie die Anwendungen. Inwieweit sind sie konfigurierbar? Kann der Kunde daraus machen, was er braucht?


Linear-Komponenten – das sind Fertigprodukte. Unser Beratungsservice unterstützt bei der Konfiguration. Über Online-Tools kann der Kunde seine Anwendungen konfigurieren – oder er kann diese Arbeit auch von uns als Dienstleistung beziehen. Die Linearführung selbst ist zwar einbaufertig, aber wer sie montiert, braucht Kompetenz. Dazu bieten wir Montageassistenz bzw. Schulungen in unserem Haus an. Dort können Monteure bis ins Detail hinein erlernen, wie z.B. Führungsschienen ausgerichtet oder Linearsysteme montiert werden.

 

Was sind die wesentlichen Innovationen der letzten 10 Jahre?


Einige wichtige Innovationen sind im Rahmen der Funktionsintegration entstanden, wenn zum Beispiel Messsysteme in die Führung integriert werden. Viel getan hat sich auch beim Zahnstangenantrieb oder auch zum Thema Schwingungsdämpfung. Ebenso wichtig sind Innovationen zu Ressourcenschonung, durch z.B. geringeren Schmierstoffverbrauch und Reibungsreduzierung. In Sachen Dynamik haben unsere Highspeed-KUVE deutliche Signale gesetzt – und können durch höhere Produktivität, die gestiegenen Anforderungen des Maschinenbaus erfüllen.


Produktseitige Highlights sind unsere hydrostatischen Kompaktführungseinheiten als Weiterentwicklung der Wälzführungen. Mit ihren exzellenten Dämpfungseigenschaften und einer hohen dynamischen Steifigkeit eignen sie sich für hochpräzise Anwendungen.


Zu den herausragenden Innovationen zählt auch die Weiterentwicklung der Simulationstools. Durch diese Berechnungsmöglichkeiten können wir die Kunden bereits in der Konzeptphase beraten, welche Führungen oder Zubehörteile – wie zum Beispiel Dämpfungsschlitten – sie am besten in ihrer Anwendung einsetzen und welche Auswirkung diese Auswahl auf die Anwendungsergebnisse haben wird.

 

Welche weiteren Voraussagen sind durch die Simulation möglich?


Unsere Kunden können mit diesen Tools die Eigenschaften der Linearführungen oder Rotativlager genau berechnen und voraussagen, wie sich das Element in der Anwendung verhalten wird. Wir bieten dazu die entsprechenden Schnittstellen sowie Austauschfiles an. Wenn der Anwender uns die Umgebungsbedingungen seiner Maschine weitergibt, können wir die Maschine entsprechend dynamisch berechnen.

 

Wohin wird sich Lineartechnik künftig entwickeln?


Verbesserte Elektromechanik wird vieles möglich machen. Dadurch werden auch neue Herausforderungen durch weitere Anwendungsfelder entstehen. Ein Beispiel für künftige Möglichkeiten der Aktorik zeigt unsere Hochleistungsantriebsspindel heute schon. Der Planeten-Wälz-Gewindetrieb läuft bereits in einigen industriellen Anwendungen.

 

Welche weiteren Möglichkeiten sehen Sie in der Aktorik?


In der Aktorik wird der Integrationsgrad zunehmen. Mit integrierter Sensorik werden wir Antriebe auch als Komplettlösungen liefern. Unter dem Schlagwort Smart-Aktorik. wird sich hier in den nächsten 5 Jahren noch sehr viel tun. Die Linearführung mit Elektronikregelung und Feedback-Systemen wird sich bis dahin in weiteren Branchen durchsetzen. Im Maschinenbau und in der Konsumgüterindustrie haben wir dazu heute schon einige Anwendungen realisiert.


www.schaeffler.com

Ralf Moseburg in der [me]-Videothek 

 

 

Beitrag aus [me] 3/2014

 

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