Notaus 4 ever

Eine Revolution nannte Bundeskanzlerin Angela Merkel ihr Energiekonzept, das sie letzten Herbst durchs Parlament gepeitscht hat. Mit ungewohntem Elan vorbei am Bundesrat, gegen  verfassungsrechtlichen Bedenken, und unbeeindruckt von Protesten Zehntausender Atomkraft-Kritiker. Jetzt frisst die Revolution ihre Kinder. Das eilig verkündete dreimonatige Moratorium  wirkt wenig glaubwürdig. Moratorium heißt Aufschub - und nicht Wende. Der Wähler ist interessant bis zur Wahl, und dann? Jetzt noch überbieten sich Politiker gegenseitig, wer zuerst den  vorzeitig, vorläufigen Ausstieg verkündet.  Die Notabschaltung der eigenen Atompolitik war längst fällig. 
Die Kehrtwende, sofern sie denn eine ist,  hätte nicht erst nach den Katastrophen erfolgen müssen. Tschernobyl liegt zwar räumlich näher, aber erst die Tragödie im hoch-technisierten Japan hat die Hardliner bewegt. Doch Physik reagiert überall gleich: Reaktoren sind nirgens darauf ausgelegt, eine Kernschmelze zu beherrschen. Wenn die Kühlung ausfällt, fliegt uns das Ding um die Ohren.  Keiner der hiesigen Reaktoren, ist gegen Natur- oder Terrorgewalt gesichert. Das Argument des tragbaren Restrisikos hat ausgedient. Das ist eben doch das Risiko, das uns den Rest gibt. Im atomgläubigen Japan hat es über die Wahrscheinlichkeitsrechnung triumphiert.
Die Atomlobby kämpft auf einsamem Posten um ihre Reaktoren und betont, wie der Präsident des Deutschen Atomforums, Ralf Güldner,  dass an der Verlängerung der Laufzeiten nicht gerüttelt werden sollte. Sollte es aber doch, denn der Atomindustrie gehen altersbedingt die Fachkräfte aus.
Es fehlt an  Ingenieuren und Technikern. Den Verlust atomtechnischer Kompetenzen schätzten Studien wie der World Nuclear Industry Status Report 2009 als größte  Hürde für nukleare Ambitionen ein. Selbst in Frankreich, dem Land mit der größten atomtechnischen Kompetenzbasis, besteht ein besorgniserregendes Defizit an Fachpersonal. Eine ganze Generation von "Baby-Boomern" nähert sich der Altersgrenze — bis 2015 gehen etwa 40 Prozent des Atompersonals des weltweit größten AKW-Betreibers EDF in Rente.
Technikkritik ist sicherlich nicht das Metier von Fachredaktionen. Doch wir pochen laut auf den Stand der Technik. Der größte Teil unserer deutschen Atomkraftwerke hat den Planungsstand der siebziger Jahren, heute wären praktisch alle nicht mehr genehmigungsfähig.  Noch unverstrahlte Exponate des drittältesten Reaktorparks der Welt sollten einem besseren Zweck dienen: Als Freizeit- und Vergnügungspark wie das AKW-a.D in Kalkar. Die verarmten Lobbyisten fänden dort sicherlich  Jobs als Parkplatzwächter oder bei besonderer technischer Qualifikation als Erzähler von Reaktormärchen. "Es war einmal eine sehr sichere Technik. Doch eines Tages im fernen Japan blieben die Brennstäbe in mehreren Reaktoren ohne kühlendes Wasser - wirklich nur kurze Zeit ... dann kam der Notaus.

 

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