Kultur des Wissens

In manchen deutschen Hörsälen sitzen in Vor-lesungen heute nur Chinesen in den ersten Reihen. China stellt mit rund 26 000 Studenten die meisten ausländischen Studierenden in Deutschland. Zwei Drittel kehren nach dem Studium nicht in ihr Heimatland zurück. Chinesische Studenten könnten auch dabei helfen, den Fachkräftemangel in Deutschland zu bekämpfen. Allerdings müssen wir dazu offener werden und Aufenthaltsfristen verlängern. Wenn die Chinesen nach der Ausbildung Deutschland verlassen, wird das Studium der Gaststudenten von vielen noch immer als große Geldverschwendung gesehen. Aber gerade diese Investition in Wissen bringt beste Zinsen. Chinesische Studenten bieten zwei Chancen: Sie bleiben und helfen gegen unseren Fachkräftemangel oder sie sorgen später in ihrem Heimatland für Aufträge. Denn dort fehlt es gewaltig an Maschinen und Infrastruktur. Entsprechend hoch fällt 2011 das Gesamtvolumen der deutschen Maschinenausfuhr nach China aus. Der VDMA erwartet für dieses Jahr eine Ausfuhr im Wert von etwa zwanzig Milliarden Euro. Das ist eine Riesenchance für den deutschen Maschinenbau, aber wegen der sich daraus ergebenden Abhängigkeit auch ein beachtliches Risiko. Über das Risiko China denken auch die Retter mit dem Euro-Schirm nach. Sie betteln um Chinas Riesenkapital und suchen zur Erklärung nach einer diplomatischen Formel, die das große Risiko zum vertretbaren Restrisiko runterrechnet. Ungeachtet dieser Rechnung, warten eigentlich alle Brics-Staaten auf deutsche Unternehmen. In den aufstrebenden Schwellenländern ist die Ingenieurskunst gefragt, aber auch Attribute wie Vertrauen und Verlässlichkeit, die deutschen Maschinenbauern weltweit zugeschrieben werden. Allerdings machen die rein technischen Innovationen den europäischen Vorsprung nicht aus. In Sachen Technik ist China auf einer hemmungslosen Aufholjagd – und soll mittlerweile bereits die besseren Solarpaneele bauen. Aber wie die anderen Schwellenländer möchten die Chinesen außer Technik noch etwas anderes lernen: Denn was eigentlich fehlt, ist eine Jahrhunderte alte „profunde Kultur des Wissens“. So formulierte es Tom Pätz, Vorstand der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) kürzlich auf dem Expertenforum Mittelstand der Süddeutschen Zeitung. Dahinter stehen Fähigkeiten, die weit über die im typischen Wissensmanagement erfassten Fähigkeiten hinausgehen. Das sind zum Beispiel Kreativität, Kritik, geistige Freiheit des Denkens, Kommunikation, Kooperation, Vertrauen und Verlässlichkeit ... Den Vorsprung gegenüber China können wir halten, „indem wir von morgens bis abends in Bildung investieren“, bingt es Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller beim Expertenforum auf den Punkt. Sie möchte chinesische Studenten im übrigen halten, indem sie ihnen „Heimat bietet“, ihnen also Praktika anbietet und sie später in chinesischen Niederlassungen beschäftigt. Ein guter Weg zu qualifiziertem Nachwuchs, den wir weltweit brauchen!

Herzlichst Ihr Peter Schäfer

 

November 2011

 

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