Schwarmintelligenz

Maschinen werden komplexer und dennoch einfacher und funktionaler. Vor allem werden sie individueller. Der Kundenwunsch gibt den Ton an. Modular aufgebaute Maschinen schaffen die Möglichkeit der Differenzierung, Software ist dabei der Schlüssel zu den modular aufgebauten Maschinen, die sich immer mehr differenzieren – eben so wie der Anwender sie braucht.


Auch das Wissen dahinter wird immer fundierter, spezifischer und digitalisierter. Gut, die industrielle Produktion hat hier Startprobleme und hinkt der digitalen Welt etwas hinterher. Aller Anfang ist schwer. Insbesondere der Maschinenbau und Industrie 4.0 sind längst noch nicht auf einem Nenner. Durch veränderte Paradigmen kommt man sich näher: Software ist der Schlüssel, Vernetzung das Mittel, Open Innovation der Weg und die funktionale Sicht der Fokus. Industrie 4.0 lohnt sich, aber kein Mittelständler und auch kein großer Technologiekonzern stemmen das allein. Das ist wie bei Maschinen, die so komplex sind, dass ein einzelner Spezalist sie nicht versteht. Ein Paradebeispiel ist der Teilchenbeschleuniger beim CERN. Der Bau dieser Maschine, des Large Hadron Collider (LHC), beruht auf einer Art Schwarmintelligenz. Über 2 000 Wissenschaftler haben gemeinsam dieses Weltwunder erschaffen.


Schwarmintelligenz als kollektive Intelligenz einer sehr großen Gruppe bedeutet, dass sie mehr oder bessere Lösungen findet als einzelne Individuen. Die Verwandschaft zur Mechatronik liegt auf der Hand, obwohl diese nur selten mit der Organisation eines Ameisenstaats verglichen wird. Dabei trifft auf das mechatronische Engineering genau das zu, was für die Schwarmintelligenz spricht: Solche Systeme sind intelligenter als andere, weil sie mehr Probleme schneller lösen.


Wie das funktioniert, beweisen Ameisen in ihrem Staat und Fische im Schwarm. Jedes Individuum ist dort hundertprozentig vernetzt. Ohne Ansage eines Anführers kann sich solch ein vernetzter Gesamtorganismus auf ein gemeinsames Ziel hin bewegen. Ob menschliches Verhalten dadurch immer intelligenter wird, wage ich zu bezweifeln. Wir sind nun mal keine Goldmakrelen.


Sicherlich hilft Schwarmintelligenz beim Wissensmanagement weiter. Denn seit Industrie 1.0, dem ersten mechanischen Webstuhl um 1745, bis zu Industrie 4.0 hat sich das Wissen gewaltig entwickelt. Wikipedia ist nur ein Versuch, alles vernetzt und ohne Hierarchie auf eine Plattform zu bringen. Die Enzyklopädisten hatten es kurz vor Industrie 1.0 leichter. Damals genügte ein einziges Werk, um darin das gesamte Wissen der Welt festzuhalten. Die Dokumentation einer einzigen komplexen Maschine hätte jeden Rahmen gesprengt.


Rahmen müssen auch heute noch gesprengt werden, damit Industrie 4.0 in den Köpfen ankommt. Wie ich glaube, steckt dort ein riesiges Potential, auch wenn es eigentlich noch keiner so ganz versteht. Doch dafür haben wir ja die Schwarmintelligenz und die Fachredakteure. Letztere müssen dann Fachsprache umformulieren und interdisziplinär verständlich machen – auch wenn sie am Ende des Tages selbst nicht alles so recht verstehen. Aber das müssen sie auch nicht.

 

Herzlichst

Ihr  Peter Schäfer

 

 

April 2013

Editorial aus:

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