Wo bleibt der große Wurf? 

Wir wissen alle, dass Industrie 4.0 mehr als die Vernetzung der Maschinen ist. Wir wissen auch, dass die Basistechnologien sowie Grundfunktionen und Dienste für Industrie 4.0 vorhanden sind. Bekannt ist auch das Rezept, Effizienz, Flexibilität und Nachhaltigkeit der Produktion durch Kommunikation und Intelligenz zu steigern um damit langfristig die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie zu stärken und auszubauen.


All das klingt wie politisches Programm, das auf dem Hannover Messe genannten Parteitag rauf und runter gebetet wird. Dann wird integriert, was das Zeug hält. Als des Pudels Kern oder der Schlüssel zu Industrie 4.0 gilt dort die Verschmelzung der IT-Welt mit der Produktion. Auch das wissen wir. Und alle machen das doch schon längst so – wenn sie das Motto des Parteitags in Hannover „Integrated Industry – Next Steps“ mit der eigenen Erfahrung unterfüttern.


Es ist gut, wenn sich das alle auf die Fahnen schreiben – manche bekennen sich laut eigener Angabe schon 30 Jahre dazu. Für Jochen Köckler, Vorstand der Deutschen Messe AG, ist das Ziel die Einigung auf eine gemeinsame Sprache der Produktion. „Bisher sprechen die IT-Systeme jedes Unternehmens eine eigene Sprache.“


Das sind große Worte. Aber wann geht die Reise in die Zukunft wirklich los, wo beginnt das Ungewöhnliche, da doch alle beteuern, wir machen das schon lange. Ist das Internet der Dinge ein alter Hut, sind Cyber Physical Systems nur alter Wein in neuen Schläuchen? Mir fehlen die Ambitionen, die Suche nach dem großen Wurf, die wilden Visionen.


Das Runterbeten der immer gleichen Vokabeln von Industrie 4.0 bringt uns nicht viel weiter. Besser wären Innovationen, die durch revolutionäre Methoden der Produktentwicklung entstehen. Vielleicht vermisse ich die Zauberei und habe wie der ungeduldige Zauberlehrling die Methode des schrittweisen Erreichen eines Ziels noch nicht begriffen. Mit großem Neid sehe ich auf die industriell eher bescheiden auftretenden US-Amerikaner, die aber in Sachen Innovation einige Musterschüler vorweisen. Die agieren zwar moralisch manchmal etwas dubios, entwickeln aber wie Google Innovationen am laufenden Band: die Kontaktlinse, die den Blutzuckerwert misst. Oder gar Google-Brain, ein System, das Neuronenverbindungen des menschlichen Gehirns nachahmt. Wenn Computer Personen, ihre Sprache und Objekte besser erkennen, können ganz andere Produkte entstehen. Brave New World.


Auf der Hannover Messe werde ich Ausschau halten nach den neuen Dingen, die die Welt verändern. Ich werde nachfragen, was die nächsten Schritte sind. Schließlich gilt das Motto: „Integrated Industry – Next Steps“. Bis dahin sehe ich die Industrie 4.0 als große Chance für IT-affine Klein- und Mittelunternehmen. Immerhin konnten die nach einer Studie der Boston Consulting Group von 2010 bis 2012 doppelt so viele neue Jobs schaffen wie IT-skeptische Firmen. Nach dieser Rechnung könnten hierzulande durch IT bis zu 670 000 neue Jobs geschaffen werden. Das überzeugt Industrie 4.0-Zweifler.

Herzlichst Ihr

Peter Schäfer

 

 

April 2014

 

Editorial aus [me] 2/2014:

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