Die digitale Qual

Mit der Highspeed von 38 kb/sek läuft der Download meiner Antivirensoftware. Das Update schläft ein. Tatort ist München mit vergleichbar guter Netzabdeckung, möglich wären 5 000 kb/sek.


Wir leben in der digitalen Steinzeit, kaum ein Netzanbieter schafft es, seinen Kunden flottes Internet dauerhaft zu bieten. Wenn alle surfen, schrumpft die große Welle zur kleinen Woge. Auf dem weiten Land sieht es noch düsterer aus.

Die bundesweite Abdeckung mit schnellem Internet kostet einen zweistelligen Milliardenbetrag. Eigentlich zu teuer, sagen die Nachrechner über den in der ‚Digitalen Agenda‘ angedachten Netzausbau.


Schnelles Internet mit Übertragungsgeschwindigkeiten von 50 Megabit pro Sekunde gehört nicht nur ‚angedacht‘ – übrigens mein Lieblingswort. Es beschreibt den Denkanfang, dem das schnelle Aussteigen vom guten Vorsatz in die Wiege gelegt ist. Politiker denken gerne an, wie in der kürzlich vorgestellten Digitalen Agenda.


Keine Frage, wir brauchen solch eine Agenda, sonst sagt jeder, was gerade opportun ist, und alles bleibt wie es ist. Sie kommt auf den letzten Drücker, denn es ist höchste Zeit, etwas zu tun, damit wir nicht den Anschluss verlieren – Kommunikation gehört nun mal dazu. Ohne sie können wir keine Autos und keine komplexen Maschinen bauen, wie das nur unsere Maschinenbauer können.


Industrie 4.0 ist ein Stichwort, das sich auch in der Digitalen Agenda findet. Es gehört hier zu einem 40-seitigen Entwurf, der auf vielen Floskeln und wenig Praktischem aufbaut. Im Jahr 2018 sollen alle Bürger schnelles Internet haben, die Behörden sollen für alle digital besser erreichbar, die DE-Mail flächendeckend sein. Die IT-Wirtschaft mit ihren Start-ups soll ebenso wie Smart-Home-Anwendungen gefördert werden, und es sollen mehr Fachkräfte ausgebildet werden.... Auf dem Wunschzettel steht auch: Mehr Sicherheit im Netz. Wie sehr hier der Wunsch Vater des Gedankens ist, hat die kürzliche Hackerkonferenz Defcon gezeigt. Die Hacker haben der Industrie große Wurschtigkeit bescheinigt – jedenfall bei B2C. Obwohl Kinderkrankheiten längst nicht kuriert sind, starten Produktion und Verkauf. „Fehler werden dann im laufenden Betrieb behoben – oder eben auch nicht“ (Spiegel Online am 13. Aug. 2014 in „Hackerkonferenz: Cyberattacke auf den Kühlschrank”). Die Attacken bleiben bis sich Hersteller finden, die Antiviren-Software verkaufen, die verhindert, dass Haushaltsgeräte austicken.


Industrie 4.0 muss mit potenter Antivirensoftware jedem Angriff trotzen– die muss bei weltweitem Zugriff auf die Maschinen eben überall downloadbar sein – anders als mein Antivirenprogramm im netzwerktechnisch hoch aufgerüsteten München.


Herzlichst

Ihr

Peter Schäfer

 

 

September 2014

 

Editorial aus [me] 4/2014:

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