Kopernikanische Wende?

Warum nicht mal eine kleiner Geschichtsexkurs in der [me]? Schließlich geht es um den Fortschritt im Maschinenbau. Dazu gibt es aus Mechatroniksicht einiges zu sagen. Früher gab es Maschinen mit etwas Software. Heute sprechen wir von Software mit etwas Maschine drum herum. Rein entwicklungstechnisch ist das so etwas wie die kopernikanische Wende.

 

Als Mechanik und Elektrik noch streng getrennte Disziplinen waren, wurde von Software nur geredet, wenn es Probleme gab. Entwickelt wurde sequentiell, und Elektronik beschränkte sich auf Sensorik und die SPS. „Die Wertschöpfung erfolgte zu 80 % über die Mechanik“, erklärte Dr. Georg Pfeifer, Geschäftsführer der Optima Packaging Group, auf dem Kompetenztag Engineering, der im Juli bei ITQ in Garching stattfand. Wer dort gut zugehört hat, weiß jetzt, dass die Maschinenbauer in Sachen Engineering sehr agil waren. Denn früher bestimmte die schlichte Faustformel DM/kg den Preis der Maschine, bevor es laut Georg Pfeifer vor 10 Jahren den Startschuss zum mechatronischen Engineering gab. Ob die große Wende geschafft ist, wird sich auf dem weiten Weg zu Industrie 4.0 noch zeigen. Digitalisierung und Vernetzung sind überwiegend softwarebasiert – mit jeweils ein paar Brocken Hardware in dem, was landläufig als Cyber Physical Systems bezeichnet wird.


Wie schaffen wir den Weg? Manchmal sind es die kleinen Dinge, die zwar nicht gleich die Welt, aber ein Unternehmen verändern. Für bessere Strukturen gilt es, die Chefs zu überzeugen. Gegebenenfalls sollte man sie absägen. Letzteres ist meist nicht ganz so leicht, wie es hier im Editorial dahergesagt wird. Georg Pfeifer hat dies diplomatischer formuliert: „Wie bekommt man eine Organisation dazu, dass sie sich mit Software beschäftigt?“ Das tut keinem wirklich weh, vor allem, wenn bildlich erklärt wird, wie das früher so war: „Der Softwerker war als ‚Bottleneck‘ der Letzte an der Maschine, der den kalten Atem des Kunden im Nacken spürte. Da die Software zuletzt in die Maschine kam, musste er sie zum Laufen bringen. Das hat gelegentlich den Zeitrahmen gesprengt ebenso wie die Geduld des Kunden.“ Bei diesen Worten sträubten sich manchem Jungingenieur die Nackenhaare, und es ging ihm durch den Kopf: „Schön, dass das wenigstens nicht mehr so ist.“ Heute stehen alle Disziplinen zusammen am Pranger, wenn es mal mit der Zeit und der Qualität nicht so klappt. Gut, davon ist auf solchen Veranstaltungen kaum die Rede. Schließlich lautet der Ansatz des mechatronischen Engineerings: ‚Gemeinsam sind wir besser‘, und nicht ‚Gemeinsam sind wir unantastbar‘. Aber wer erzählt schon gern von Pleiten, Pech und Pannen? Doch die medialen Vorlieben gehen in diese Richtung: Good news are bad news. Deshalb sind auf Kongressen immer die Referenten die besten, die vieles ehrlich zugeben. Und wenn Maschinenbauer fast unter sich sind, kommt manches Design-Schmankerl ans Tageslicht. Das hat Vorteile, denn wo ehrlich miteinander geredet wird, geht die Lernkurve steil nach oben. Auf anderen Kongressen bewegt sich die Schlafkurve in die gleiche Richtung.


Herzlichst

Ihr

Peter Schäfer

 

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Editorial aus [me] 4/2015, September:

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