Roboter kurbeln Wirtschaft an

Roboter sichern Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze
ING-DiBa-Studie liefert grobe Fehleinschätzung

15_juni_vdma_154_154.jpg

 

Patrick Schwarzkopf,

Geschäftsführer

VDMA Robotik + Automation, Frankfurt am Main

 

 

 

 

Der Einsatz von Robotik und Automation bietet bedeutende Chancen für eine stabile wirtschaftliche Entwicklung, wertige und ergonomische Arbeitsplätze sowie sichere und erschwingliche Produkte. Technologische Transformationsprozesse sind keine neuen Phänomene und haben in der Vergangenheit zu höherem Wohlstand geführt. Dies wird auch in Zukunft so sein.

Im weltweiten Vergleich zählt Deutschland zu den starken Roboter-Einsatzländern. Auf 10.000 Arbeitsplätze im Verarbeitenden Gewerbe sind hierzulande 282 Industrieroboter im Einsatz, so die Berechnungen der IFR. Nur Korea (437 Industrieroboter) und Japan (323) kommen auf eine höhere Roboterdichte. Und trotz des hohen Industrierobotereinsatzes steigt die Zahl der Beschäftigten in Deutschland kontinuierlich: Um fast 20 Prozent stieg der Roboterbestand zwischen 2010 und 2014 auf 176.000 Einheiten. Parallel hierzu wuchs die Zahl der Erwerbstätigen um 1,6 Millionen auf 42,58 Millionen [Quelle: Statistisches Bundesamt]. Allein im deutschen Maschinen- und Anlagenbau sind in den letzten fünf Jahren hunderttausend neue Arbeitsplätze entstanden; von 901.000 im Mai 2010 auf aktuell 1.008.000 Beschäftige (März 2015).

 

Automation bringt Wachstum


Die positiven Wirkungen der Automation auf die Beschäftigung und die Arbeitswelt sind inzwischen mehrfach durch renommierte Studien belegt worden. Die im Februar 2015 erschienene Studie „Robots at Work“ von Georg Graetz (Universität Uppsala) und Guy Michaels (London School of Economics) untersucht den Effekt eines vermehrten Einsatzes von Industrierobotern im Zeitraum von 1993 – 2007 auf die wirtschaftliche Entwicklung von 17 Ländern.  Ergebnis: Im Schnitt gingen gut 10 Prozent des BIP-Wachstums und 15 Prozent der Produktivitätsgewinne auf den vermehrten Robotereinsatz zurück. Das ist in etwa vergleichbar mit der Wirkung der Dampfmaschine in der industriellen Revolution. Gleichzeitig finden die Autoren im Untersuchungszeitraum keinen Rückgang der Gesamtbeschäftigung, sondern einen Anstieg der Löhne. Dies lässt den Rückschluss zu, dass der technische Fortschritt menschliche Arbeit aufgewertet hat.

 

Positiver Einfluss auf die Beschäftigung


Die Studie des IFR „Positive Impact of Robotics on Employment“ vom Februar 2013 differenziert die unterschiedlichen Wirkmechanismen der Industrierobotik auf die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Ergebnis: Pro eingesetztem Roboter werden drei bis fünf neue Arbeitsplätze im Verarbeitenden Gewerbe geschaffen. Durch die Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit werden Arbeitsplätze auch in Hochlohnländern gesichert. Ein hohes Potenzial zur Schaffung neuer Arbeitsplätze sieht die Studie in der Herstellung anspruchsvoller Massenprodukte, wie zum Beispiel Tablets und Smartphones, die ohne Robotereinsatz nicht möglich wäre.

 

ING-DiBa-Studie unbrauchbar


Zugleich werden Ängste geschürt durch Studien, deren Ergebnisse wir als überzogen ansehen. So haben die Volkswirte der Direktbank ING-DiBa im April 2015 eine Untersuchung „Die Roboter kommen – Folgen der Automatisierung für den deutschen Arbeitsmarkt“ veröffentlicht. Ihre Aussage: 59 Prozent der untersuchten Arbeitsplätze seien durch die fortschreitende Technologisierung in Deutschland bedroht. Das wären insgesamt 18 Millionen Arbeitsplätze. Dabei übertragen die Autoren Carsten Brzeski und Inga Burk die Ergebnisse einer viel beachteten Studie von Osborne und Frey (Universität Oxford) auf den deutschen Arbeitsmarkt.  Auf eine Quantifizierung von Chancen durch neu entstehende Berufe und Beschäftigungsverhältnisse verzichten die Autoren hingegen. Wie bei Osborne und Frey basieren die Ergebnisse der ING-DiBa-Studie auf der Überschätzung des Einsatzpotenzials von Technologien, wie zum Beispiel Koch-Robotern, humanoiden Hotel-Robotern und Paketauslieferungs-Drohnen. Der vage angegebene Zeithorizont von „einigen Jahren“, bis die Roboter in den untersuchten Bereichen voll einsatzfähig seien, deutet auf eine wirklichkeitsferne Technologieeinschätzung hin. Die Autoren vermischen Digitalisierung, Automatisierung und Robotisierung – allesamt unterschiedliche Konzepte – und prognostizieren beispielsweise, dass 1,9 Millionen von 2,15 Millionen Büro- und Sekretariatskräften robotisiert werden. Aus unserer Sicht ist auch das in keiner Weise belegbar.

 

Tatsächliche Automatisierung nicht im Fokus


Die viel zitierte Analyse von Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne der Universität Oxford, die im September 2013 erschien, unternimmt den Versuch, Wahrscheinlichkeiten der Computerisierung abzuschätzen. Sie nutzt hierzu 702 detaillierte Berufsbeschreibungen des US-amerikanischen Arbeitsmarkts. Danach unterliegen 47 Prozent der Gesamtbeschäftigung in den USA einem hohen Risiko der Automatisierung. Die Autoren relativieren diese Aussage allerdings im gleichen Atemzug und schreiben: „Wir unternehmen keinerlei Versuche abzuschätzen, wie viele Arbeitsplätze tatsächlich automatisiert werden und konzentrieren uns auf die potenzielle Automatisierbarkeit über einen nicht spezifizierten Zeitraum hinweg.“

 

Neu entstehende Arbeitsplätze ausgeklammert


Osborne und Frey fokussieren sich in ihrer Arbeit ausschließlich auf die Verlustseite und beschränken sich auf den Substitutions-Effekt zukünftiger Computerisierung.


Für die Abschätzung der Netto-Effekte auf den Arbeitsmarkt ist dies untauglich. Das ist wie ein Kontoauszug, auf dem nur Abbuchungen – aber keine Gutschriften – aufgelistet sind. Problematisch ist auch die Annahme von Osborne und Frey, dass die Fortschritte in der künstlichen Intelligenz, im maschinellen Lernen und in der mobilen Robotik so bahnbrechend sein werden, dass diese in praktisch alle menschlichen Domänen vordringen können.

 

Komplementäre Effekte unterschätzt


Andere Untersuchungen, wie die des MIT-Professor David Autor kommen zum Ergebnis, dass das Ausmaß, in dem Maschinen menschliche Arbeit ersetzen, regelmäßig überschätzt werde. Unterschätzt würden hingegen die starken komplementären Effekte, die die Produktivität steigern, die Einkommen erhöhen und die Nachfrage nach qualifizierten Mitarbeitern verstärken. Menschliche Tätigkeiten, die Anpassungsfähigkeit, Urteilsvermögen und Vernunft erfordern, sind und bleiben eine immense Herausforderung für die Maschinen. Beispiele für solchen Technologie-Optimismus sind Restaurant-Köche und Fahrradmechaniker, deren Tätigkeiten laut Osborne und Frey mit Wahrscheinlichkeiten von 96 Prozent beziehungsweise 94 Prozent computerisierbar sein werden. Zu den Einschränkungen, welche die Autoren selbst machen, kommt ein weiteres Problem: Die Studie beruht auf zahlreichen subjektiven Annahmen. Darauf angewandte mathematische Verfahren suggerieren eine wissenschaftliche Präzision die letztlich nicht gegeben ist.

 

Den digitalen Wandel gestalten


Eine wissenschaftliche Untersuchung im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums, welche die Studie von Osborne und Frey aufgreift und auf den deutschen Arbeitsmarkt überträgt, gibt dagegen Entwarnung: Nach Überprüfung des Automatisierungspotenzials von Tätigkeiten – anstatt von Berufen – weisen nicht mehr als 12 Prozent der Arbeitsplätze ein Profil mit hoher Automatisierungswahrscheinlichkeit auf. Das Fazit der Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles lautet: „Der digitale Strukturwandel fordert uns neue Antworten ab. Aber er überfordert uns nicht.“ Diese Aussage unterstreichen wir.

 

www.vdma.org/r+a  

 

spacer