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74 Über den Tellerrand Spülmaschine 4.0 „Die Zukunft ist vernetzt, clever, effizient“, so geheimnisvoll beginnt der Pressetext eines namhaften Haushaltsgeräte Herstellers. Wie schwerwiegend der Spruch ist, macht nicht nur die verquere Logik klar. Er stammt aus einer Pressemeldung, die 707 MB wiegt. Also so etwas wie der Brontosaurus unter den Tieren. Allerdings nicht ausgestorben, sondern groß im Kommen, da smarte Technik viel besungen wird. Wie kann Zukunft clever sein? Ich und meine intelligente Spülmaschine   2.2017 können das vielleicht? Doch die Zukunft bleibt ungewiss. Rosig wird sie nicht allein, weil sich einiges bis dahin vernetzt und meine Gläser den Haushaltsroboter anbrüllen, wo er sie hin räumen soll. Vielleicht wird die Zukunft nur schlecht gespült, weil der Geschirrspüler null Bock auf Wasser hat. Mein Chef betritt deutlich schlecht gelaunt die Redaktionskonferenz, die Spülmaschine unserer voll-digitalen Verlagsküche streikt. Als ob das nicht schlimm genug wäre, er wollte sie selbst reparieren. Wie er berichtet, hat er alle zugänglichen Bauteile wie Schalldämpfer, Rohr- und Schlauchleitungen sowie Pumpen und deren Verbindungselemente auf ihren Performance Level getestet. „Ich finde alles“, sagt er gerne, „und was nicht, das erfinde ich eben.“ Auch die Sonderausstattungen funktionieren: Der integrierte Sodasprudler, das Kaffebohnen-Mahlwerk und selbst die 10-Bar-Espressopumpe läuft. Auch die Gesten-Steuerung spielt trotz eigenhändig programmierter agiler Software-Updates, wie das Jimi-Hendrix-Solo „Hey Joe“, diesmal nicht verrückt. „Hinter dem Streik stecken auch keine unvorhergesehenen Programmabstürze aufgrund fataler Bedienungsfehler“, sagt mein Chef. Er war eine Woche unterwegs. Bei einer früheren Panne hat die Spülmaschine lange und laute verkaufspolitische Ansprachen und Wahlempfehlungen für ihre Lieblings-Tabs gehalten. Wir mussten damals die Küche sperren. Sie preist auch nicht unaufgefordert das Frühstücksgeschirr, das nächste Woche bei Aldi im Angebot ist. Diesmal bringt sie auch kein Spül-Notstopp in den tagelangen Ruhemodus, weil unberechtigte Personen den Sicherheitsbereich der Maschine betreten haben: „Don‘t touch my body, you Honk“. Alles bleibt geheimnisvoll. Es liegt auch keine Meldung über einen aktuellen Streikaufruf der IG-Metall vor. Sonst versetzt sich die Maschine als eingetragenes Gewerkschaftsmitglied t Der Teller freut sich auf die Spülmaschine 4.0 (Bild: Hannover Messe/ Karl Bichlmeir  www.wege-ins-netz.de) automatisch in den Streikmodus. Mein Chef hat diesmal auch keine besonderen Apps installiert: Nach einer dieser Finessen, er nannte sie „Eject dishes“, mussten wir einen Komplettsatz Frühstücksgeschirr neu anschaffen. Die technische Performance stimmt. Doch der Wasserzulauf bleibt stoisch, dicht und trocken. „Vielleicht macht unser Küchen-Spül-Elf eine Wasserentzugs-Kur“, meint unser Redaktionsspaßvogel, der in seiner Heimat allzu gerne Karnevalsprinz geworden wäre, statt hier Produktmeldungen zu schreiben. Wassersparen hat natürliche Grenzen. Wo kein Wasser hinkommt, kann auch keins gespart werden. Ohne Wasser liegt auch die intelligente und vernetzte Maschine auf dem Trockendeck und meldet lapidar E 24. „Nix läuft hier“, flucht einer laut, der nur mein Chef sein kann und der das erste Mal in seinem Leben eine Gebrauchsanweisung zur Hand nimmt, um E 24 zu identifizieren. Der kleine rote Wasserhahn wollte ihm sicherlich signalisieren, dass es sich um keinen Lebensmittel- Zusatzstoff handelt. „Die Zukunft mag clever sein, aber die Gegenwart liegt fest in der Hand der Vollpfosten“, schimpft mein Chef. „Die bauen einen WLAN-Schlauch ein und nennen das Aquastopp“. Er hat jetzt seinen Schraubradius erweitert und will sich das vordere Ende des Schlauchs vornehmen, der als Wasserzulauf identifiziert wurde, der Gebrauchsanweisung sei Dank. Wenn das Sieb zugekalkt ist, versperrt es dem Wasser den Weg in den Schlauch und in die Maschine. „Schau Dir doch mal das Sieb im Aquastopp an, das verkalkt in Gegensatz zu meinem Zapfhahn“, hatte ihm sein Wirt gestern mit auf den Nachhauseweg gegeben. Mein Chef schraubt weiter. Leider hat er vor dem großen Schrauben den Wasserhahn nicht zugedreht. Das Wasser findet seinen Lauf. Leider nicht in die Maschine, die bleibt auf dem Trockenen, der Fußboden und das Hemd des Chefs nicht. Das Sieb steckt voller Kalk. Die Ursache für den großen Streik ist so trivial. War alles umsonst, die 100prozentige 707-MB-Infobeschaffung über die Pressestelle. Die Anamnese möglicher Ursachen? Die Zukunft ist vernetzt, clever – und voller verstopfter Siebe am WLANSchlauch. Herzlichst Ihr Heinrich


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