Page 62

me_617

62 Über den Tellerrand Stein statt Nuss „Schon vor 2,4 Millionen Jahren haben die Menschen Werkzeuge hergestellt und genutzt.“ Oh je, will mein Chef uns jetzt einen Vortrag über die Entstehung des ersten Bearbeitungszentrums halten, schießt es mir durch den Kopf. Meine Kollegin dreht den ihrigen gelangweilt in die andere Richtung und tippt irgendetwas ins Handy. Sie rechnet sich wohl auch gerade aus, wie lange es dauert, bis er die Brücke aus der Frühsteinzeit ins Jahr 2020 geschlagen hat. Schon nach 40 Minuten kommt er der Sache etwas näher. Werkzeuge sind einfache Maschinen, die auf grundlegenden Prinzipien der Kräftelehre aufgebaut sind. Zur Demonstration hebt er eine etwas abgearbeitete   6.2017 Muskatreibe in die Höhe. „Halten, Bewegen, Umformen, so läuft das hier mit der Muskatnussreibe als der Mutter aller Werkzeugmaschinen. Also, normalerweise, wenn das richtige Werkstück verwendet wird, meine ich.“ Was soll das jetzt, er ist in seiner Zeitreise erst bei den alten Ägyptern angekommen. „Unter meine extra aus Sansibar exportierten Muskatnüsse hat sich ein Stein eingeschlichen, und durch dieses falsche Werkstück kam es zu einer Art Steinzeit- Maschinen-Crash.“ Diesmal war kein Programmierfehler für den Maschinenstillstand verantwortlich. „Die Softwerker haben ja meistens Schuld an allem.“ Auch die Übergabe der Steuerdaten von der Konstruktion zur Maschine war nicht die Ursache. Außerdem liegt dort ein halbes Jahrhundert dazwischen. Mit der Reibe hatte schon die Großmutter meines Chefs Muskatnüsse küchenfertig umgeformt. Auch eine fehlerhafte Justierung der Werkzeugwechsler entfällt bei solch einer sehr einfachen Maschine. Die Nuss wird gehalten, leicht angedrückt, rhythmisch nach oben und unten bewegt, wobei der pulverartige Abrieb in einen Behälter fällt. Der wird in der Regel nicht gewechselt, denn die Reibe ist eine sehr unflexible Maschine mit nur einem Werkzeug – eben der Reibe selbst. Zur Dokumentation des Maschinenschadens gibt der Bediener (mein Chef) zu Protokoll: „Nachdem ich etwa fünf Minuten mit der Reibe den Stein als vermeintliche Nuss bearbeitet hatte, hat diese Bewegung die Reibe stark umgeformt. Jetzt scheitert sie selbst an einer Erdnuss, die eigentlich keine Nuss, sondern eine Art Bohne ist.“ Klar erwarten wir Maschinen, die höchsten Ansprüchen genügen und nicht am erstbesten Stein scheitern. „Dennoch sollten nur erfahrene und gut ausgebildete Bediener Zugang zu solchen Maschinen bekommen. Also entweder schaltet sich die Maschine bei einem falschen Werkstück in den Ruhezustand, oder der Bediener bricht den Vorgang ab. Beides war hier offensichtlich nicht der Fall.“ Obwohl theoretisch eine Reparatur möglich war, wurde der Schaden versicherungstechnisch als Totalschaden abgerechnet. Aber es hätte alles noch viel schlimmer kommen können. Schwerer Personenschaden, zum Beispiel … Die Fehlbedienung solch einer komplex arbeitenden Maschine kann schlimm ausgehen. Angenommen, der Stein wäre auf der Reibe abgerutscht. Der Bediener hätte Daumen, Zeige- und Mittelfinger wahrscheinlich nicht schnell genug aus der Gefahrenzone gezogen. Schwere Schürfwunden und Verbrennungen dritten Grades durch die Reibungswärme sind nur die geringsten Schäden. Mein Chef wäre aufgrund solch einer Verletzung nicht in der Lage gewesen, das Editorial dieses Heftes zu schreiben. Welch ein Verlust für die Leser? „Ich werde künftig erst nach Heftschluss solche gefährlichen Maschinen bedienen“, verspricht er dem an seinem Malheur stark Anteil nehmenden Redaktionsteam des agt agile technik verlags. Aber Mitleid ist keine Strategie. Ich werde für solche Leute einen Nothalt in der Muskatreibe integrieren. Ferner wird die kleine, aber hoch gefährliche Maschine mit einem Lichtgitter ausgestattet, das richtig stark leuchtet, wenn sich unausgebildete Bediener nähern. Deren Personalien werden vorher aus einer in der Cloud hinterlegten Datenbank auf das Display der Muskatnussreibe übertragen. Die Maschine steht dann still, sobald mein Chef vom Lichtgitter erfasst wird. Das Lichtgitter gibt es ab dem 1. Dezember dieses Jahres auch als Weihnachtsbeleuchtung. Überhaupt, es lässt sich jahreszeitlich „teachen“. Herzlichst Ihr Heinrich Der Stein verpasst der Muskatnussreibe eine Abreibung. (Bild: www.wege-ins-netz.de)


me_617
To see the actual publication please follow the link above