
Grünland zählt zu den artenreichsten Flächentypen überhaupt. Auf einem einzigen Quadratmeter finden sich häufig mehrere Hundert Zikaden, Fliegen, Mücken oder parasitische Wespen, in Einzelfällen sogar über 1.000 Zikaden. Bei jeder Mahd geraten Zikaden, Fliegen, kleine Wespen, Spinnen und andere Wirbellose unter den Mähbalken. Das betrifft nicht nur die Insekten selbst: Ihr Rückgang wirkt sich auch auf Vögel, Amphibien und Fledermäuse aus, die auf sie als Nahrungsquelle angewiesen sind.
Wie kleinteilig das Ökosystem Grünland tatsächlich strukturiert ist, zeigt sich gerade an diesen unscheinbaren Arten. Die meisten von ihnen sind außerhalb der Fachwelt kaum bekannt, tragen aber jeweils zum Funktionieren des Gesamtsystems bei – vergleichbar mit einzelnen Zahnrädern in einem größeren Getriebe. Fällt eine Art dauerhaft aus, wirkt sich das entsprechend auf die Stabilität der gesamten Nahrungskette aus.

Zwei Systeme im Feldversuch
Ein Forschungsteam der Universitäten Hohenheim und Tübingen verfolgt dabei einen anderen Ansatz als frühere Projekte. Am Mähwerk selbst lasse sich technisch kaum noch etwas verbessern, so die Erfahrung aus dem Vorgängerprojekt InsectMow. Stattdessen setzt das Team bei dem neuen Projekt Insoel auf aktives Verscheuchen kurz vor dem Schnitt. Getestet werden zwei Varianten: Eine Bügelscheuche führt Metallzinken durch den Bestand und bringt Insekten so zum Wegspringen, Wegfliegen oder Abtauchen ins Gras. Eine Gebläsescheuche arbeitet dagegen mit Luft – ein quer vor dem Mähwerk montiertes Gebläse pustet die Tiere seitlich aus der Gefahrenzone. Erste Zwischenergebnisse deuten darauf hin, dass insbesondere die Gebläsevariante einen erheblichen Anteil der Insekten erfolgreich zur Seite befördert.

Aufwendige Auswertung im Feld
Zur Überprüfung mähen die Forschenden standardisierte Flächen wahlweise ohne Scheuche, mit Bügel- oder mit Gebläsescheuche. Unmittelbar danach kommen quadratmetergroße Gazewürfel, sogenannte Biozönometer, zum Einsatz, mit denen die verbliebenen Tiere mit einem umgebauten Laubbläser abgesaugt werden. Zusätzliche Netze über und seitlich des Mähwerks fangen Insekten auf, die über den Balken hinweg oder zur Seite entkommen. Die eigentliche Auswertung zieht sich über Monate: Sämtliche Proben werden sortiert, Spinnen und Insekten bestimmt und gezählt, bevor sich die Wirksamkeit der beiden Systeme im Vergleich zur ungeschützten Mahd belastbar beziffern lässt.
Von der Forschung zur Standardtechnik
Langfristig sollen Insektenscheuchen zum Standard bei der Grünlandmahd werden. Zunächst richtet sich das Vorhaben vor allem an den ökologischen Landbau. Perspektivisch könnten die Systeme jedoch in der gesamten Landwirtschaft eingesetzt werden und so helfen, die Insektenverluste auf Wiesen deutlich zu verringern. Das Forschungsprojekt verbindet Agrartechnik mit Biodiversitätsforschung an der Universität Hohenheim. Während Ingenieure die Mähtechnik weiterentwickeln, untersucht die Biologie das Verhalten der Insekten und bewerten den Erfolg der verschiedenen Systeme. Gemeinsam wollen sie einen Beitrag leisten, die Artenvielfalt in der Landwirtschaft wirksam und praxistauglich zu schützen.















