Materialeigenschaften von Edelstahl voraussagen

03 Redka im Labor
Bild: © Alexander Ratzing

Einem Forscherteam unter Beteiligung der Hochschule München ist es gelungen, die komplexen physikalischen Eigenschaften von Legierungen zu berechnen und ihre Veränderung bei der Bearbeitung mit Laserlicht vorauszusagen. Damit eröffnen sich neue Möglichkeiten zur Prozesskontrolle. Denn „obwohl Legierungen überall zum Einsatz kommen, gibt es bis heute erhebliche Wissenslücken, was ihre physikalischen Eigenschaften betrifft“, erklärt Prof. Dr. Heinz P. Huber, Leiter des Laserzentrums an der Hochschule München (HM) und Professor an der Fakultät für angewandte Naturwissenschaften und Mechatronik. Besonders schwer prognostizierbar seien die Materialeigenschaften von ‚Hochentropie-Legierungen‘: Diese Werkstoffe enthalten verschiedene Metalle zu gleichen Anteilen, deren Positionen im Kristallgitter beliebig variieren können. Die maximale Unordnung – also die Entropie – hat zur Folge, dass die elektrischen und magnetischen Eigenschaften dieser Materialien bisher kaum prognostizierbar waren.

„Dieses Wissensdefizit hat Auswirkungen auf die Praxis“, betont Huber. „Unternehmen, die beispielsweise Legierungen für Implantate oder Handyplatinen mit Ultrakurzpulslasern perforieren, sind bisher bei der Steuerung ihrer Maschinen auf Trial-and-Error angewiesen.“ Um die Fertigung bedarfsgerecht und präzise steuern zu können, müsste man wissen, wie, wann und in welcher Tiefe die Energie des Lasers absorbiert wird. Die Voraussetzung dafür wäre ein Verfahren, das exakt an dem Punkt, den der Laser ansteuert, in Echtzeit die Materialeigenschaften wie Temperatur und Dichte ermittelt. Für ein solches Monitoring fehlte bisher jedoch das fundamentale physikalische Verständnis.

Einem Forscherteam ist es jetzt gelungen, diese Wissenslücke zu schließen. Die Arbeit, deren Erstautor Dr. David Redka von der Hochschule München ist, wurde in Nature Communications veröffentlicht. Die theoretischen Voraussagen wurden durch Experimente am Schweizer EPFL sowie am Paul Scherrer Institut (PSI) untermauert: Dort untersuchten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit hochenergetischer Röntgenstrahlung eine Legierung aus Chrom, Mangan, Eisen, Kobalt und Nickel. Diese Metallmischung wird in der Forschung als Prototyp für Hochentropie-Legierungen eingesetzt.

Starke elektronische Wechselwirkungen wirken sich auf die Absorption von sichtbarem Licht aus, wenn man die Oberfläche beleuchtet. Die Entropie wiederum beeinflusst den elektrischen Widerstand und die Absorption von infrarotem Licht. Licht, das von der Oberfläche reflektiert wird, verrät darüber hinaus, in welchem Zustand sich die Legierung befindet: Je höher die Temperatur und je dichter das aufgeschmolzene Material, desto stärker verändert sich der Brechungsindex und damit auch die Farbe des reflektierten Lichtstrahls.

Die Ergebnisse der Arbeit wollen die Forschenden am Laserzentrum jetzt nutzen, um neue Verfahren zum Prozesskontrolle bei der Materialbearbeitung mit Ultrakurzpuls-Lasern zu entwickeln: „Unser langfristiges Ziel ist es, mit Hilfe eines Lichtstrahls, der auf die Oberfläche einer Legierung geleitet und dort reflektiert wird, in Echtzeit die Temperatur und Dichte zu bestimmen“, resümiert Huber: „Damit wäre es erstmals möglich, Sensoren zu entwickeln, die ein Monitoring bei der Bearbeitung mit hochenergetischer Laserstrahlung erlauben.“